Macfarlane’s Travels Shed a Different Light on Brexit

Macfarlanes Wanderungen zeigen den Brexit in einem anderen Licht

Footpath sign on the Ridgeway

From our “Wilde 13” section.

⇒ A continuation of our Brexit debate from last week.


Sowohl Befürworter wie Gegner des Brexit bemühen zur Interpretation der Entscheidung die Vergangenheit. Viel ist auch von Wohl und Wehe des Landes die Rede, wobei nicht klar ist, ob die Besorgten denn wissen wovon sie reden. Ihnen kann man Robert Macfarlanes Buch “Alte Wege” empfehlen. In seinen Wanderungen auf den alten Trampelpfaden der britischen Inseln wird der Sinn für die Vergangenheit geweckt, der die Gegenwart mit etwas mehr Gelassenheit sehen lässt.

“Die Rückkehr der Vergangenheit”

Als im Juni 2016 die Briten in einer demokratischen Abstimmung entschieden, aus der EU auszutreten, löste dies ein mediales Gewitter aus, das selbst in unserer medienmetereologisch stürmischen Zeit ohne Gleichen war. Der Kanal bildete mit einem Mal keine Wetterscheide mehr und die britische Insel und das europäische Festland sahen sich in gleichem Maße durchgeschüttelt. Die Besorgnis, die mit einem Schlag den Kontinent einte, fassen PolitikerInnen und KommentatorInnen mit der Warnung vor einem Scheitern der EU als Friedensprojekt zusammen.

Medial passen diese Szenarien ins Gedenkbild zum 100. Jahrestag der Somme-Schlacht zu dem sich außerplanmäßig der französische Präsident demonstrativ mit dem britischen Premier trafen und die damit, wie ja allgemein beim politischen Gedenken üblich, mehr die Gegenwart und Zukunft als die Vergangenheit im Sinn hatten. Dennoch ging es natürlich auch um die Vergangenheit. Der SPIEGEL wählte denn auch für seine Ausgabe zum Brexit den Titel “Die Rückkehr der Vergangenheit”, wobei geübten Lesern das implizite mahnende Ausrufezeichen aufschien.

“This Land is Your Land”

Vergangenheit gilt demnach als per se schlecht, weil sie auf dem vermeintlich offenen und Fortschritt suggerierenden Zeitstrahl rückwärtsgewandt und mithin dem Voranschreiten entgegengesetzt ist. In dieses überschaubare Bild von Vergangenheit = retour und Zukunft = Avantgarde fügte sich denn auch der entscheidende Satz der Rücktrittserklärung von Nigel Farage, der die Brexit-Idee einst ausgedacht hatte: “Ich wollte mein Land zurück, jetzt will ich mein Leben zurück.” “Land und Leben”, dieser Begriff stand implizit über der Brexitabstimmung und verfehlte bei einer Mehrheit der Briten ihr Ziel nicht: Wem sein Leben lieb ist, der, so der dramatische Unterton, darf kein Zipfelchen der Unabhängigkeit seines Landes preisgeben. Den Unterton zu diesem Pamphlet liefert gleichsam Woody Guthries amerikanischer Countrysong “This Land is Your Land” aus den 1950ern.

Ihn ziehen die Pfade an

In diesen Tenor von Vergangenheitsorientierung bei denen, die als Ewiggestrige gelten, und Vergangenheitsdämonisierung auf Seiten derer, die sich das Wort “Fortschritt” auf ihr Banner geschrieben haben, kommt die deutsche Übersetzung von Robert Macfarlanes “Old Ways” gerade zur rechten Zeit. Der 1976 in Nottinghamshire geborene Macfarlane ist in Großbritannien bereits mit hohen wissenschaftlichen und literarischen Preisen ausgezeichnet worden und gilt als der Vertreter des Nature Writing, einer speziellen angelsächsischen Schreibgattung, die poetische, naturwissenschaftliche und philosophische Naturbetrachtung verdichtet.

In “Alte Wege” nimmt Macfarlane seine Leser auf die Wege mit, die man auf den gängigen Landkarten nicht findet, sind doch Karten heute zumeist Straßenkarten, die ein Verbindungsnetz spannen, das mit dem Land recht wenig zu tun hat, sind sie doch zumeist zwar mit Verstand (d.h. kurze Distanzen sind besser als lange), aber mit wenig Sinn (für das sie tragende Land) ausgebreitet worden. Man muss sich deshalb diese Routen wegdenken, oder wenn einem dazu die Phantasie nicht hinreicht, auf die alten Wegkarten zurückgreifen, um die Verbindung von Land und Leuten, die sich wechselseitig geprägt haben, wiederzuentdecken. Dabei darf man aber, wie Macfarlane findet, nicht sitzenbleiben: Wer Land und Leute kennenlernen will, der muss sich aufmachen und einen Weg unter die Füße nehmen. Alte Wege, und das sind zumeist Fußwege, sind ausgesprochen vielsagende Linien, die sowohl über die Menschen, die sie gegangen sind und damit diese Linien erst gezogen haben, wie auch über die Natur berichten. Seiner Ablehnung der Straßen wegen lässt Macfarlane auch das Straßennetz des Römischen Reiches links liegen. Ihn ziehen die Pfade an und die verschwinden selten, wie er bei seinen Wanderungen immer wieder feststellen kann.

Stetiges Gehen höhlt die Landschaft aus

Pfade, die ja alle ihren Ursprung als Trampelpfad haben, können Geschichten erzählen, was der Autor mit dem Bonmot erklärt, dass sie aus “Sediment und Sentiment” geschaffen seien. Pfade, diese “Gewohnheiten von Landschaften”, sind keine künstlichen vom Land abgehobenen Linien und das absolute Gegenteil moderner Mautstraßen oder gebührenpflichtiger Autobahnen: “Fußwege sind im besten Sinne des Wortes mundan: weltlich, für jeden offen” wie Macfarlane mit Blick auf das frühe britische Wegerecht feststellt. Folgt man heute solchen Wegen, beispielsweise dem Ridgeway, einer über hundert Kilometer langen und dreitausend Jahre alten Trittspur, die von Wiltshire nach Buckinghamshire führt, so bewegt man sich gleichsam im Gedächtnis des Landes, wobei man wohl besser statt Land Boden sagen sollte. Den Boden − und damit auch das Land − begreifen wir am besten mit dem Fuß und nicht mit dem Kopf. Dem klugen Wanderer Macfarlane gelten deshalb auch die Füße als ein, in unserer verkopften Kultur jedoch vollkommen unterschätztes, Erkenntnisorgan. Wie Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche hält auch Macfarlane das Gehen für eine Denkbewegung. Und richtig Gehen kann man natürlich erst draußen in der Natur und nicht in den eigenen vier Wänden, da kann man sich nur im Kreis, bzw. im Quadrat bewegen. Erst in der Natur scheint uns auf, was wichtig ist.

Bekanntlich höhlt nicht nur steter Tropfen den Stein, sondern stetiges Gehen höhlt auch die Landschaft aus, so dass sich bereits in weniger als 1000 Jahren ein Hohlweg bildet. Dem Phänomen der Zeit wird man hier also auf Schritt und Tritt gewahr, sie ist nichts Abstraktes, sondern etwas Eindrückliches, der tieferliegende Boden macht es deutlich.

Zur Beruhigung das Wandern

Macfarlanes Wegwanderungen sind deshalb so spannend zu begleiten, weil man hier den Blick für die Natur schult und erweitert und auch ständig auf Weggefährten trifft, prominente wie der Romantiker William Wordsworth, der 100.000-e Meilen durch Großbritannien gewandert ist, aber mehr noch, den vielen Namenlosen, die durch ihr Gehen an dem Weg mitgearbeitet haben.

Wenn man einsieht, dass Menschen sowohl Landschaften prägen wie sie im gleichen Masse von diesen gestaltet sind, gewinnt man Gelassenheit gegenüber den oberflächlichen Veränderungen der kurzen Zeiträume: Staaten, das kann man ja wirklich aus der Geschichte lernen, kommen und gehen, anders die Wege: die bleiben und fordern zum Gehen auf. Wer die Mitgliedschaft seines Staates in einem transnationalen Bund als drohenden Untergang seines Landes interpretiert, wie es in der Brexit-Debatte so häufig zu hören war, der beweist damit ebenso Geschichtsvergessenheit wie diejenigen, die dasselbe mit der Veränderung eines solchen Bundes verbinden. Beiden Lagern kann man zur Beruhigung das Wandern empfehlen, denn ein Verständnis für die Zeit in ihrem Lauf bekommt man, wie Macfarlanes Wanderungen belegen, nur wenn man sich auf den Weg macht, dies nicht im übertragenen, sondern im fußwörtlichen Sinne.

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Literaturhinweise

  • Brenner, Andreas: Umweltethik. Ein Lehr- und Lesebuch. Würzburg 2014.
  • Macfarlane, Robert: The Old Ways. A Journey On Foot. London 2012. (Deutsch: Macfarlane, Robert: Alte Wege. Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers. Berlin 2016)
  • Thoreau, Henry David: Walden. New York 1986.

Webressourcen

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Abbildungsnachweis
Footpath sign on the Ridgeway © Philip Halling CC BY-SA 2.0.

Empfohlene Zitierweise
Brenner, Andreas: Macfarlanes Wanderungen zeigen den Brexit in einem anderen Licht. In: Public History Weekly 4 (2016) 29, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-7185.

Translated by Jana Kaiser (kaiser /at/ academic-texts. de)

Redaktionelle Verantwortung
Moritz HoffmannMarko Demantowsky

Copyright (c) 2016 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.

Both supporters and opponents of Brexit invoke the past to interpret the decision. Much is said about the well-being and the woes of the country, whereby it remains unclear whether those with such concerns know what they are talking about. They would do well to read Robert Macfarlane’s book, The Old Ways: A Journey on Foot. His travels along old tracks and paths in the British Isles evoke a sense of the past that allows the present to be seen more calmly.

“The Return of the Past”

In June 2016, when the British decided, in a democratic ballot, to leave the EU, a thunderstorm broke loose in the media that, even in our times of meteorologically stormy media, was without peer. The Channel was suddenly no longer a weather divide and the British Isles and continental Europe saw themselves being equally shaken up. The worries that united the continent at a single stroke are summarized by politicians and commentators as a warning against allowing the EU to fail as project for peace.

In the media, these scenarios fit in with the commemorative image of the centenary of the Battle of the Somme, for which the French President and the British Prime Minister met, unscheduled and demonstratively, whereby, as is usual for such political commemorations, both were more concerned with the present and the future than with the past. Nevertheless, the past was also naturally involved. For its issue on Brexit, the SPIEGEL’s front page was entitled “The Return of the Past”; well-trained readers could “see” the implicit, admonitory exclamation marks.

“This Land is Your Land”

Accordingly, the past is considered to be bad per se because it faces backwards on a timeline that is supposed to be open and suggesting progress; thus, it is the opposite of advancing. The decisive sentence uttered by Nigel Farage, the man who had invented the Brexit idea, in his resignation announcement fits into this simplified picture of past = back and future = avant-garde: “I wanted my country back, now I want my life back.” “Country and Life”: this term was the implicit heading over the Brexit ballot and did not miss its target in the majority of British voters. The dramatic undertone implied that those who love their lives are not allowed to give away even the smallest piece of their country’s independence. Woody Guthrie’s American country song from the 50s, “This Land is Your Land”, provided the “background music” for the pamphlet.

He is Attracted to Trails

The German translation of Robert Macfarlane’s “Old Ways” has been published at just the right time for those who are considered to be diehards, because they orient towards the past, as well as for those who have printed the word “progress” on their banners and demonize the past. Macfarlane, who was born in Nottinghamshire in 1976, has already received important academic and literary prizes and is considered to be the representative of “Nature Writing”, a special Anglo-Saxon writing genre that consolidates poetic, academic, and philosophical views of nature.

In “Old Ways”, Macfarlane takes his readers along paths that are not found on normal maps. Today’s maps are usually street maps that cover a network of connections that have little to do with the countryside; they are mostly opened up with concrete intensions (i.e., short distances are better than longer ones) but with little understanding (for the countryside that carries them). One has to imagine that these routes are gone or, if one’s imagination isn’t sufficient for this, fall back on old trail maps, in order to rediscover the mutual influence that the country and the people have exerted on each other. Macfarlane thinks that we shouldn’t consider this to be the finish. Someone who wants to get to know the country and its people has to get up and put their feet on a path. Old ways, which are usually pedestrian trails, are particularly expressive paths that speak not only about the people who first traversed and thus drew these lines, but also about nature. Because he rejects roads, Macfarlane also ignores the road networks of the Roman Empire; he is attracted to trails, which seldom disappear, as he repeatedly discovers during his travels.

Walking Wears Away the Countryside

Trails, all of which were originally beaten tracks, can tell their stories, which the author explains with the bon mot that they are made of “sediment and sentiment”. Trails, these “habits of landscapes”, are not lines that are artificially separated from the land; they are the complete opposite of modern toll roads and metered motorways. “Pedestrian paths are, in the best sense of the word, sophisticated: wordly, open to all”, as Macfarlane declares in view of the early British rights of way. If one follows these paths today, for instance, the Ridgeway, a “foot path” that is over 100 kilometers long and 3000 years old and which stretches from Wiltshire to Buckinghamshire, then one is travelling through the memory of the land, whereby one should speak of soil, rather than land. We can understand the soil – and, thus, also the land – best with our feet, and not with our heads. For Macfarlane, the wise walker, feet are totally underestimated sense organs in our overly intellectual culture. Like Søren Kierkegaard and Friedrich Nietzsche, Macfarlane regards walking as movement of thought. And one can only walk “naturally” in nature, and not in one’s own four walls; there, one can only go around in circles, or in squares. Only when we are in the midst of nature do we recognize what is important.

Walking is Recommended for Calming Down

As is generally known, constant dripping wears away the stone and, likewise, constant walking wears away the countryside, so that, in even less than 1000 years, a ravine emerges. Thus, at every turn, one becomes aware of the phenomenon of time; it is not abstract but, instead, it is impressive, as the underlying earth makes clear.
It is so exciting to accompany Macfarlane on his trail travels because it trains and expands one’s view of nature and one constantly meets travelling companions: prominent ones such as William Wordsworth, the romantic who walked thousands of miles through Great Britain but, even more, all those nameless ones who worked on the paths simply by walking them.

If one acknowledges that people leave marks on the landscape and are equally formed by it, then one can acquire calmness in the face of superficial changes over short spans of time: as one can really learn from history, nations come and go, but paths are different: they remain and summon us to walk. Whoever interprets their nation’s membership in a transnational federation as the impending demise of their country, as could be heard so often in the Brexit debate, also demonstrates their obliviousness to history, as do those who connect it with changes in such a federation. Walking is recommended for calming down both camps because, as Macfarlane’s travels prove, one can only gain an understanding for the passing of time if one starts to move, not figuratively, but literally, on one’s feet.

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Further Reading

  • Brenner, Andreas. Umweltethik: Ein Lehr- und Lesebuch. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014.
  • Macfarlane, Robert. The Old Ways: A Journey On Foot. London: Penguin, 2012.
  • Thoreau, Henry David. Walden. New York: Penguin, 1986.

Web Resources

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Image Credits
Footpath sign on the Ridgeway © Philip Halling CC BY-SA 2.0.

Recommended Citation
Brenner, Andreas: Macfarlane’s Travels Shed a Different Light on Brexit. In: Public History Weekly 4 (2016) 29, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-7185

Editorial Responsibility
Moritz HoffmannMarko Demantowsky

Copyright (c) 2016 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.


Categories: 4 (2016) 29
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-7185

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1 reply »

  1. Da ich selbst in England lebe (und wandere), fürchte ich, daß es ganz so einfach dann doch nicht ist. Wir leben nun einmal nicht in den großen Zeiträumen, sub specie aeternitatis, sondern in den kleinen, nicht in der fernen Zukunft, wo all dies im Rückblick vielleicht bedeutungslos erscheinen wird, sondern in der Gegenwart, wo solche politischen Umbrüche ernsthafte Konsequenzen haben können. Wie groß der Umbruch sein wird und wie die Konsequenzen genau aussehen werden, wird sich zeigen, aber Gelassenheit kann man sich hier vielleicht nur leisten, wenn man nicht unmittelbar von den Folgen betroffen ist.

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    Living (and walking) in England myself, I’m afraid that it is not that simple. After all, we don’t live in the long spans of time, but in the short ones, not in the far future when in retrospect all this may appear irrelevant, but in the present, where such political upheavals can have serious consequences for those who have no choice but to live through them. It remains to be seen how much will change as a result of Brexit, and what exactly will change, but it is certainly a lot easier to remain calm in the face of current events if you are not immediately affected by the consequences.

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