Kindergarten: A Place for Historical Thinking

Kindergarten – Wo historisches Denken geformt wird

Die Didaktik der Naturwissenschaften hat den Kindergarten längst als Prägeinstanz erkannt. Land auf und Land ab existieren Sonderprogramme, um Kinder für Technik und Natur, mit Zahlen und geometrischen Formen zu begeistern. Ganze Koffer oder auch Lernlandschaften stehen in vielen österreichischen Kindergärten bereit, um sich auf diesen Bildungsbereich einzulassen. Doch findet im Kindergarten auch historisches und politisches Lernen statt?

Der Kindergarten als Bildungseinrichtung

In Österreich galt der Kindergarten lange Zeit in der Gesellschaft als “Aufbewahrungsanstalt” für Kinder. Maximal als Ort des gemeinsamen Spielens. Seine Kraft als erste Bildungseinrichtung konnte er in der öffentlichen Wahrnehmung erst in den letzten Jahrzehnten etwas entfalten. Aktuell wird der Kindergarten politisch vor allem für das Sprachlernen und die Möglichkeit zum Ausgleich von Sprachdefiziten in der Migrationsgesellschaft wahrgenommen.

Doch Kindergärten sind als Bildungseinrichtungen vor allem auch Orte an denen gesellschaftliches Lernen stattfindet. In ihnen begegnen sich Kinder aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, mit verschiedenen kulturellen und bildungsbiografischen Hintergründen erstmalig und erleben dabei Normen, Aushandlungsmodi und Hierarchien außerhalb der eigenen Familie – sprich: Gesellschaft. Es ist einleuchtend, dass dabei Vorstellungen über das gesellschaftliche Zusammenleben ebenso generiert werden, wie über Mitbestimmung und Partizipation. Im Bereich der politischen Bildung existieren daher bereits spannende didaktische Konzepte für diesen Lernort.[1] Doch gibt es dort auch historische Bildung?

Kindergarten und Geschichtskultur

Kindergärten müssen im Bereich der historischen Bildung als wenig erschlossen angesehen werden. Es gibt erst wenige systematische wissenschaftliche Einblicke.[2] Der Grund dafür liegt sicherlich in der bisher schwach verankerten akademischen Anbindung im tertiären Bildungsbereich. In Österreich werden Kindergärtner/innen in der Sekundarstufe II ausgebildet und schließen mit Matura ab. Daher sind es derzeit vor allem die Erziehungswissenschaften, die sich mit dem Lernen in dieser Altersgruppe beschäftigen. Historisches Lernen hat dort derzeit wenig Platz und findet im Kindergarten daher vor allem informell statt. Es sind also Spielsachen, Puppen, Bilderbücher oder Besuche an historischen Orten auf Wandertagen, über die Kleinkinder mit Geschichte im Kindergarten in Kontakt treten.

Wird der Kindergarten als Bildungseinrichtung ernst genommen, wird man sich zukünftig auch um fachlich profilierte Bildungsprogramme und Lernstrategien für das historische Lernen der Kleinsten kümmern müssen. Da es dazu in Österreich keine Traditionen gibt, deren Entwicklungsstränge man aufgreifen könnte, macht es Sinn, hier auf Erfahrungen aus anderen Ländern zurückzugreifen und den weiteren Bildungsweg im Blick zu halten.

Anregungen aus anderen Ländern

Es ist eine ausgeprägt israelische Perspektive, dass dort die “Holocaust Education” bereits im Kindergarten ansetzt. Während man in Österreich, der Schweiz und Deutschland über eine verstärke Berücksichtigung in der Volks- bzw. Grundschule diskutiert und dies durchaus mit geschichtskulturellen Lebensweltbezügen begründet, werden Kleinkinder in Israel bereits früh an diese sensible Thematik herangeführt.[3] Doch während für viele dieses Beispiel als weit weg von ihren Erfahrungen im Umgang mit Kleinkindern wahrgenommen wird, verweist es doch auf die Geschichtsvergessenheit, also die Vernachlässigung der Geschichte als gesellschaftsbildende Kraft, im Kindergarten in vielen Ländern.

Für den deutschsprachigen Raum stechen vor allem Schweizer Publikationen heraus, die sich für das sehr frühe historische Lernen interessieren. Dabei zeigt sich, dass Kinder bereits im Kindergarten Vorstellungen über den Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart aufbauen, die sie als Erklärungsmuster heranziehen.[4] Es existieren für das historische Lernen auch bereits vereinzelte pragmatische Vorschläge für den Elementarbereich, die man weiter verfolgen sollte, wie sie etwa in der Zeitschrift “4 bis 8. Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe” oder vereinzelten Monografien veröffentlicht wurden.[5]

Soll historisches Lernen jedoch der Zufälligkeit und dem Engagement von einzelnen Elementarpädagog/innen entrissen werden, wird ist es notwendig sein, dass die akademische Geschichtsdidaktik ihre Verantwortung für das historische Lernen von “0 bis 99” wahrnimmt und sich in die Entwicklung von Bildungsprogrammen einbringt. Es gilt nämlich nicht zu vergessen, dass Kinder auch außerhalb des fixierten Fächerkanons in der Sekundarstufe I mit Lernangeboten zur Vergangenheit und Geschichte konfrontiert werden: im Museum, in der Grundschule und eben auch bereits im Kindergarten. Alle drei institutionalisierten Bereiche des historischen Lernens von Kleinkindern werden allerdings nicht nur wenig beforscht, sondern als Prägeinstanzen nahezu ausgeblendet. Es gilt hier in der empirischen Forschung, aber auch hinsichtlich fachspezifischer Konzepte für ein frühes historisches Lernen aufzuholen, um sich etwa bei anstehenden bildungspolitischen Diskussionen um die Bildungseinrichtung Kindergarten positiv einbringen zu können.

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Literaturhinweise

  • Rohrbach, Rita. Kinder & Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Was Erwachsene wissen sollten. Stuttgart: Klett, Seelze-Velber, 2009.
  • O’Hara, Lucy, and  Mark O’Hara. Teaching History 3-11. The essential Guide. London – New York: Continuum, 2005.

Webresourcen

  • Projektinternetseite „historisches denken von 4- bis 10-jährigen kindern in der deutsch-, italienisch- und romanischsprachigen schweiz“ – http://www.historischesdenken.ch/ (letzter Zugriff : 8.01.2018).
  • 4 bis 8. Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe – https://www.4bis8.ch/ (letzter Zugriff : 8.01.2018).

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[1] Vgl. https://www.unicef.org/eu/crtoolkit/downloads/Child-Rights-Toolkit-Module3-Web-Links.pdf (letzter Zugriff : 8.01.2018).
[2] Vgl. Keith C. Bartonand and Linda S. Levstik: „Back When God Was Around and Everything,“ Elementary Children’s Understanding of Historical Time, American Educational Research Journal 33 (1996) 2: 419-454; Urs Bisand und Sabine Bietenhader, „Historisches Denken von 4- bis 10-järhrigen Kindern. Was wissen Kinder über das Mittelalter?“, Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung 31, no 1 (2013): 100-106.
[3] Yair Ziv, Deborah Golden and Tsafrir Godberg, “Teaching Holocaust to Young Children. The Case of Holocaust Studies in Israeli Kindergartens,” Early Education and Development 26 (2015): 520-533.
[4] Vgl. Markus Kübler, Sabine Bietenhader und Irene Pappa, „Können Kindergartenkinder historische denken? Ergebnisse einer Pilotstudie.“ in 4- bis 12jährige – ihre schulische du außerschulischen Lern- und Lebenswelten, hg. v. E. Wannack et al. (Münster: Waxmann 2013), 225-232; Eva Gläser und Andrea Becher, „Historisches Denken und Kompetenzentwicklung im Übergang vom elementar- zum Primarbereich,“ in Grundlegende Bildung ohne Brüche, hg. v. D. Kucharz et al. (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011), 87-90.
[5] Vgl. Udo Lange und Thomas Stadelmann, Am Anfang war das Feuer. Das Feuerbuch für Kindergarten, Grundschule und Hort (Kiliansroda: Verlag Das Netz, 2007).

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Abbildungsnachweis
block of marble © open-arms (2009) via Flickr

Empfohlene Zitierweise
Kühberger, Christoph: Kindergarten – Wo historisches Denken geformt wird. In: Public History Weekly 6 (2018) 1, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2018-10839

Redaktionelle Verantwortung
Dominika Uczkiewicz / Krzysztof Ruchniewicz

Copyright (c) 2017 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.

Specialists in the teaching of the natural sciences have long recognised kindergarten as a key environment in forming young persons’ interest and abilities in science. There are special programmes across the nation designed to get children interested in technology, nature, numbers, and geometry. Many Austrian kindergartens have access to entire kits or even “learning landscapes” to help promote these subjects. But do kindergartens also include historical and civic education?

The Kindergarten as Educational Institution

In Austria, the kindergarten was long regarded by society as a kind of day care for children. It was, at most, for them to socialise through play. Its potential as the first educational institution has only begun to develop in the public’s perception in the past few decades. In terms of policy, kindergartens are primarily treated as places for language learning and as an opportunity to compensate for language deficits in a society with a large migrant population.

However, as educational institutions, kindergartens are especially seen as places of societal learning. In kindergartens, children from very different social strata with diverse cultural, educational, and biographical backgrounds meet for the first time and experience norms, ways of negotiating life’s challenges, and hierarchies outside of their own family. In other words, the children encounter society for the first time. It is obvious that ideas regarding life in society, freedom, and participation are shaped in the kindergarten setting. There are already some exciting concepts available for this type of civic education in kindergartens.[1] But is historical education also happening there?

Kindergarten and Historical Culture

In terms of history education, kindergartens remain an underdeveloped opportunity. The research only offers a few systematic insights.[2] The reason for this certainly stems from the weak academic connections between kindergarten and tertiary education. In Austria, kindergarten teachers attend upper secondary, graduating with a general qualification for university admission. Therefore, it is currently the educational sciences that address kindergarten education. There is at present little room for historical education there and such instruction at the kindergarten level generally remains informal in the form of toys, dolls, picture books, and visits to historical places during outings. These help young children come into contact with history while in kindergarten.

If kindergarten is to be taken seriously as an educational institution, it will, in the future, need to focus on creating professional curricula and learning strategies for educating young children in history and historical thinking. Since there are no traditions of such education in Austria, it makes sense to draw on the lessons taught by other countries with an eye to what the children will be expected to learn later on.

Suggestions from Other Countries

For example, Israelis insist on starting “Holocaust education” already in kindergarten. While Austria, Switzerland, and Germany are still discussing ways to pay more attention to history and the historical contexts of the contemporary world in elementary schools, young children in Israel are already being introduced to such sensitive topics at an early age.[3] Although many will see this example as far removed from their experience in dealing with young children, it does point to the forgetting or at least neglect of history as a socialising force in the early childhood education offered in many countries.

In the German-speaking world, it is the Swiss who seem most interested in early childhood history instruction. Children in kindergarten there are asked to begin developing ideas about the connections between past and present to help explain the contemporary world.[4] There are already isolated pragmatic proposals for early childhood history education that should receive further consideration, for example, those published in the journal “4 to 8. Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe” and in individual monographs.[5]

However, if history education is to shift from the haphazard or the individual efforts of committed educators, it will be necessary for researchers in the teaching of history to accept their responsibility for history education for all ages and become involved in developing appropriate curricula and educational programmes. It is important to remember that children have additional opportunities for encounters with the past and with history that go beyond the state-approved curricula in middle school. For example, they will encounter history at museums, in primary school, and even in kindergarten. However, little research has been in the history education offered by any of these three institutions; indeed, they are almost forgotten as instances for education. It is important to catch up on relevant empirical research and develop specific concepts for early historical education so we can make a positive contribution to ongoing discussions about educational policy for the country’s kindergartens.

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Further Reading

  • Rohrbach, Rita. Kinder & Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Was Erwachsene wissen sollten. Stuttgart: Klett, Seelze-Velber, 2009.
  • O’Hara, Lucy, and  Mark O’Hara. Teaching History 3-11. The essential Guide. London – New York: Continuum, 2005.

Web Resources

  • Internetsite of an Swiss project an historical learning 4 to 10: „historisches denken von 4- bis 10-jährigen kindern in der deutsch-, italienisch- und romanischsprachigen schweiz“: http://www.historischesdenken.ch/ (last accessed January 2018).
  • Internetsite of an journal on Kindergarden and primary school education: 4 bis 8. Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe: https://www.4bis8.ch/ (last accessed January 2018).

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[1] See: https://www.unicef.org/eu/crtoolkit/downloads/Child-Rights-Toolkit-Module3-Web-Links.pdf (last accessed January 2018).
[2] Cf. Keith C. Barton and Linda S. Levstik, „Back When God Was Around and Everything,“ Elementary Children’s Understanding of Historical Time, American Educational Research Journal 33 (1996) 2: 419-454; Urs Bisand and Sabine Bietenhader, „Historisches Denken von 4- bis 10-järhrigen Kindern. Was wissen Kinder über das Mittelalter?“, Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung 31, no. 1 (2013): 100-106.
[3] Yair Ziv, Deborah Golden and Tsafrir Godberg, “Teaching Holocaust to Young Children. The Case of Holocaust Studies in Israeli Kindergartens,” Early Education and Development 26 (2015): 520-533.
[4] Cf. Markus Kübler, Sabine Bietenhader and Irene Pappa, „Können Kindergartenkinder historische denken? Ergebnisse einer Pilotstudie.“ in 4- bis 12jährige – ihre schulische du außerschulischen Lern- und Lebenswelten, ed. E. Wannack et al. (Münster: Waxmann 2013), 225-232; Eva Gläser and Andrea Becher, „Historisches Denken und Kompetenzentwicklung im Übergang vom elementar- zum Primarbereich,“ in Grundlegende Bildung ohne Brüche, ed. D. Kucharz et al. (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011), 87-90.
[5] Vgl. Udo Lange and Thomas Stadelmann, Am Anfang war das Feuer. Das Feuerbuch für Kindergarten, Grundschule und Hort, (Kiliansroda: Verlag Das Netz, 2007).

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Image Credits
block of marble © open-arms (2009)
via Flickr

Recommended Citation
Kühberger, Christoph: Kindergarten: a place for historical thinking. In: Public History Weekly 6 (2018) 1, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2018-10839

Editorial Responsibility
Dominika Uczkiewicz / Krzysztof Ruchniewicz

Copyright (c) 2017 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.


Categories: 6 (2018) 1
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2018-10839

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