Social Identity Through Public History

Soziale Identität durch Public History

Public History promotes social identity. It is, simultaneously, an opportunity, a danger and a challenge. In particular, actors in Public History are required to take into consideration the need for identification as well as the necessity for reflected dissociation.

 

Anniversaries of national self-assertion

2015 is an anniversary year in Switzerland: In 1315, the Battle of Morgarten occurred. A force from Schwyz defeated the army of Habsburg knights under the command of Duke Leopold on the shores of Lake Ägeri. In 1415, the Swiss Confederates conquered the region of Aargau that was, at the time, still under Habsburg rule. In 1515, the Battle of Marignan took place. On the side of the Duchy of Milan, thousands of Swiss Confederates fought against the French King Francis I. They were devastatingly beaten. And, in 1815, the major European powers guaranteed Switzerland perpetual neutrality and its territorial integrity at the Congress of Vienna and in …


Categories: 3 (2015) 25
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2015-4410

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6 replies »

  1. I couldn’t agree more – cultural identity should not be “formed” by experts but individually gained by offering various ways of interpretation, by pointing out connections, patterns etc.

    In fact it would be most interesting to do an entire exhibition on how a single historic event was used or misused in muliple ways…

    Actually we at Museum Aargau tried to shed a light on one of those events often misused by various generations:The Battle of Sempach in 1386.

    For further information see:
    https://www.ag.ch/de/bks/kultur/museen_schloesser/kloster_koenigsfelden/ausstellungen_3/ausstellungen.jsp#303385

  2. Affirmation und Identifikation – oder: „lechts und rinks kann man nicht velwechsern“

    Das Zitat im Titel stammt aus dem Gedicht „lichtung“ des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl und bringt die Konfusion, die der von Gautschi zurecht kritisierte Elsasser mit den Begriffen Affirmation und Identifikation anstellt, auf den Punkt. Wie in aller Welt kann jemand Bejahung, Gutheissung, Bekräftigung einer Geschichtsvermittlung „velwechsern“ mit dem übereinstimmenden Sich-wiedererkennen in einer historischen Darstellung!
    Selbstverständlich kann, darf und soll es im Umgang mit geschichtlichen Sachverhalten Affirmation geben. Wenn wir wie am 8. September 2015 im Zürcher Tages-Anzeiger lesen: „München leuchtet. Alle aussteigen: Tausende Flüchtlinge haben Deutschland erreicht. In München werden sie von freundlichen Polizisten und hilfsbereiten Bewohnern empfangen. Die Stadt vollbringt eine organisatorische Meisterleistung“, so mag man dem nicht bloss zustimmen. Ich empfinde für solche Haltung und Bereitschaft Hochachtung und bin jenen Menschen und Institutionen in München (und anderswo) tief dankbar für Vorbild und Ermutigung. Wer solche Humanitas nicht bejahen, gutheissen, bekräftigen wollte, dem wäre nicht zu helfen. Affirmation in geradezu idealtypischer Konstellation.
    Komplexer wird die Sache mit Blick auf die Flüchtlingsnot an der Schweizer Grenze in der Vergangenheit. Die Rede ist von zwei dramatischen historischen Herausforderungen. Beispiel A: Übertritt der Bourbaki-Armee 1871. Vom 1. bis 3. Februar passierten 87‘000 Männer bei Les Verrières, Sainte-Croix, Vallorbe und im Vallée de Joux die Schweizer Grenze. „Überall leistete die Bevölkerung grossmütig Hilfe. Der Bundesrat verteilte die Internierten auf alle Kantone (ausser das Tessin). Dies war die erste grosse Internierung in der Schweiz“, ist im HLS nachzulesen. 87‘000 Mann innert drei Tagen, überall grossmütige Hilfe.[1] – Beispiel B: „Das Boot ist voll.“ Das Zitat stammt aus einer Rede Bundesrat von Steigers am 30. August 1942 in Zürich-Örlikon. Nach Alfred A. Häsler belief sich die Gesamtzahl der Zivil- und Militärflüchtlinge in der Schweiz damals, am 31. Juli 1942, auf 8‘300 Personen. Nimmt man als Referenzgrösse das Ergebnis der Volkszählung in der Schweiz von 1941 von 4‘266‘000 Personen, sassen im stark besetzten Rettungsboot – jedenfalls im Zeitpunkt jener Aussage – 0,194 % Flüchtlinge. Was die beschränkten Vorräte betrifft: Knapp 2 Promille einer Bevölkerung (Flüchtlinge) essen von einem Kilo Brot zwei Gramm.[2] Auch wenn man den Zweck der Geschichte nicht darin erkennt, quasi mit flammendem Schwert durch die Jahrhunderte zu fahren, um die Guten von den Bösen zu trennen: Ist Affirmation gefragt gegenüber der Politik Bundesrat von Steigers, der „seine Politik mit dem beschämenden Wort vom ‚vollen Rettungsboot‘ beschönigte“, wie es Hans Ulrich Jost formulierte?[3]
    Menschen, die aufgerufen waren, im „Zeitalter der Extreme“[4] schwerwiegende Entscheide zu fällen, verdienen grösstmögliche Subtilität der Analyse, was diese Entscheidungen betrifft. Affirmation ist dabei niemals ein Selbstläufer – Identifikation dennoch möglich. Man kann sich identifizieren mit dem angemessenen Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte. Das schliesst den souveränen Umgang mit Fehlleistungen, ja sogar mit Verbrechen der Vergangenheit mit ein. In diesem Sinne muss mit Hochachtung erfüllen, wie Deutschland seit Jahrzehnten mit seiner Vergangenheit umgeht. Die Schweiz hat ihre Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg spät und zaghaft aufgearbeitet,[5] das Einsetzen einer Unabhängigen Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg in den 1990er Jahren ist und bleibt aber eine Einladung zur Identifikation, zu einer Art Bekenntnis mit einer Gesellschaft, einer Behörde, die gewillt ist, sich ihrer selbst historisch vorbehaltlos zu vergewissern.[6]
    „Die im Folgenden dargestellten Abschnitte der Geschichte unseres Landes werfen vielleicht mehr Fragen auf, als sie beantworten. Es ist sogar zu hoffen, dass sie den Leser weder beruhigen noch mit Befriedigung über die Leistungen der Schweizer erfüllen, sondern zum Nachdenken über die Möglichkeiten der menschenwürdigen Bewältigung von Gegensätzen und Problemen anregen.“[7] Martin Körner formulierte diesen programmatischen Ansatz nicht im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik, sondern mit Blick auf „Glaubensspaltung und Wirtschaftssolidarität (1515–1648)“, was zeigt: Das Thema kann beliebig wechseln, der Ansatz bleibt in Stein gehauen.
    Affirmation und Identifikation velwechsern? Ernst Jandl schliesst sein Gedicht mit der Feststellung: werch ein illtum!

    Anmerkungen
    [1] http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D26892.php, Hervé de Weck (08.09.2015).
    [2] Messmer, Kurt: Keine Geschichte ohne Geschichte der Geschichte – Beispiel Flüchtlingspolitik, in: Markus Furrer und Kurt Messmer (Hrsg.): Die Schweiz im kurzen 20. Jahrhundert. 1914 bis 1989 – mit Blick auf die Gegenwart. Zürich 2008 (Pestalozzianum), S. 272-280, hier S. 272f.
    [3] Jost, Hans-Ulrich, in: Geschichte der Schweiz – und der Schweizer. Band III. Basel/Frankfurt am Main 1983 (Helbing & Lichtenhahn), S. 179.
    [4] Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München Wien 1995 (Hanser).
    [5] Messmer, Kurt: „Lügengebäude in den Schulstuben“? Fallbeispiel Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, in: Markus Furrer und Kurt Messmer: Kriegsnarrative in Geschichtslehrmitteln. Brennpunkte nationaler Diskurse. Schwalbach/Ts. 2009 (Wochenschau), S. 131-147.
    [6] Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg: Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht. Zürich 2002 (Pendo).
    [7] Körner, Martin, in: Geschichte der Schweiz – und der Schweizer. Band II. Basel/Frankfurt am Main 1983 (Helbing & Lichtenhahn), S. 7.

  3. Die Ausstellung im Rathaus Sempach ist der Typus Auslegeordnung. Weil in ihr alles angetippt wird, können ihr keine Fehler angelastet werden. Als Zielpublikum hat sie die Fachkollegen des Ausstellungsmachers, für den der schlimmste Vorwurf darin besteht, unwissenschaftlich zu sein. Nachteil dieser Ausstellung ist, dass sie ein breites Publikum ratlos zurücklässt. In meinem Public History Studium in den USA wurden solche Ausstellungen lakonisch mit der Frage “So what” (Was willst du damit sagen?) kommentiert. Die vielfältige Nutzung der Ausstellungsmedien bietet zwar Abwechslung, ist aber vor allem Ausdruck einer fehlenden Erzählung oder Dramaturgie.

    Die Disziplin Geschichte ist der Analyse und einer gewissen Distanz verpflichtet. Ausstellungen sind ein Medium der Kommunikation. In die Überlegungen, wie die Ausstellung konzipiert werden sollen, muss die Frage nach dem Zielpublikum mit am Anfang stehen. Vom Thema und Ort ist die Ausstellung im Rathaus Sempach geeignet, sich an ein breites Publikum zu richten. Dies heisst, dass neben der Wahl der einzusetzenden Medien auch eine plausible und affirmative Geschichte erzählt werden soll. Die Besucher sollten anschliessend die wichtigsten Fakten kennen und dabei eine Interpretation angeboten bekommen, die überzeugt oder auch nicht. Die Ausstellung im Rathaus Sempach vergibt die Chance, eine spannende und dramatische Geschichte zu erzählen, die für den Kanton Luzern wichtig war und ist. Es geht um eine kriegerische territoriale Ausdehnung der Stadt Luzern, um Risiko, Gewinner und Verlierer, Gewalt etc. Nicht umsonst gibt es in den USA den Curator of exhibition, der Bindeglied ist zwischen der Wissenschaft und dem breiten Publikum.

  4. Geschichte und Identität:
    Das Richtige richtig denken, das hatten wir doch schon…

    Als mögliche Zielperson heutiger Museen und Ausstellungen (interessierter Laie, der didaktisch reifen, belehrt und geführt werden muss) verfolge ich mit Spass und Erstaunen die aktuellen Diskussionen zur Deutung – und Deutungshoheit – der Schweizer Geschichte: 2015, Jubiläumsjahr.

    Peter Gautschi weist auf die “problematische Forderung nach (einem) affirmativem Geschichtsbild” hin. Tatsächlich, Kilian T. Elsassers Forderung nach einer Geschichtsvermittlung, die affirmativ und identitätsbildend sein soll, muss selbst Nichthistoriker erstaunen: Das hatten wir doch schon, so hat doch Geschichte bis vor kurzem immer funktioniert. Noch in den 70er-Jahren erzählen Schulbücher gegen besseres Wissen die Heldentat Winkelrieds so, als ob Embedded Journalists dabei gewesen wären – nicht deklariert frei erfunden, aber affirmativ und identitätsbildend. Dann die 80er-Jahr-Welle der Aufklärer, die unser kollektives geschichtliches Falschdenken korrigieren wollten: Richtig und existent sei nur, was real nachgewiesen werden könne. Auch das war irgendwie affirmativ (im Sinn von befähigt werden, konstruktiv-richtig-aufgeklärt zu denken) und identitätsbildend.[1] Womit in der Folge Winkelried zum geschichtlichen Schmuddelknaben verkam, den man beschämt irgendwo in der Versenkung verschwinden liess. Bis endlich die öffentliche Diskussion um den Begriff der Wirkungsgeschichte erweitert wurde. Da wird plötzlich sichtbar, wie Geschichte funktioniert, wie sie entsteht, wie sie sich verändert, wie sie nichtlinear und auch flächig wirkt, wie sie je nach Perspektive eine andere ist, wie sie auch – affirmativ und identitätsbildend – instrumentalisiert werden kann. Siehe Winkelried.

    Womit wir beim Museum Sempach und seiner 2014 eröffneten Schlacht-bei-Sempach-Winkelried-Ausstellung wären. Wie Elsasser treffend sagt, ist sie eine Auslegeordnung. Was er despektierlich meint, ist für mich eine Qualität. Sie ist Archiv und Wunderkammer[2] zugleich. In bester Dachbodenmanier ist dort alles gesammelt und ausgelegt, was es zum Thema gibt. Faszinierende Quellen und Objekte als Zeitzeugen quer durch die Zeiten. Und – auch dies eine Qualität – jederzeit erweiterbar durch weitere Fundstücke; Geschichte ist ja nie fertig. Das Besondere ist jedoch die Begleitung der BesucherInnen. Individuell ausgerüstet mit einem individuell steuerbaren elektronischen Guide macht man sich auf Entdeckungsreise. Der Guide vermittelt, vernetzt, vertieft, verweist. Geschichte wird nicht linear eingedampft, sondern in ihrer Komplexität, in ihrer Wirkung, in ihrer Vielfalt gezeigt. Texte und Filme schaffen Querbezüge und Einstiegsmöglichkeiten, erwähnt seien hier nur die genialen fiktiven Tagesschau-Beiträge vor und nach der Schlacht. Und auch die Objekte bieten individuelle Einstiegsmöglichkeiten in die Thematik. Die Schlacht bei Sempach und die Entstehung der jungen Eidgenossenschaft kann also durchaus via Rapper Stress und seinen Winkelried-Auftritt[3] – samt Winkelried-Navyboot-Turnschuh – aufgerollt werden. Diese Faszination der Objekte ist verblüffend. Deren 1:1-Präsenz[4] ist eine unterschätzte Stärke, wie sie nur ein Archiv oder eine Ausstellung – aber kaum eine Abbildung – ausspielen kann.

    Über die Aufgabe von Museen und die Führung der Besucherinnen und Besucher ist schon viel nachgedacht worden. Unbedingt verwiesen sei hier auf einen Aufsatz[5] zu Museumstrends in Deutschland. Diese immer noch spannende d‘Tour d’Horizon von 1994 nennt Themen, die auch heute bekannt vorkommen: “(…) dass das Verhalten der Museumsbesucher eher massenmedialen Charakter trägt und weniger einen systematisch-zielgerichteten (schulischen) Bildungscharakter aufweist. Er (Treinen) charakterisierte das Verhalten der Besucher mit Begriffen wie kulturelles window-shopping oder gar mit dem Begriff aktives Dösen”.
    Besucherinnen und Besucher wollen also selber denken und nicht didaktisch richtiges lineares Denken vorgedacht bekommen oder gar mit Denkverboten belegt werden. Sie wollen fasziniert und berührt werden – und brauchen geeignete Zugangsmöglichkeiten.

    Das Museum Sempach hat mir den Zugang geöffnet zu unserem Stanser Winkelried-Denkmal, das im Jubiläumsjahr 2015 genau 150 Jahre alt geworden ist. Aus der Faszination ist ein umfassender, vielfältiger Winkelried-Sommer in unserer Gemeinde entstanden, der kürzlich am Europäischen Tag des Denkmals mit einer Führung, ausgeschrieben in der NIKE-Broschüre, abgeschlossen worden ist. Der Titel der Führung lautete: Winkelried, “Das erste Nationaldenkmal der Schweiz”. Diese war weder affirmativ noch identitätsbildend, sondern faszinierend und informativ – mit der nötigen Distanz zu einer spannenden, kontroversen Figur und ihrer vielschichtigen Wirkung. Winkelried ist als Mythos Realität. Endlich.

    Margret Omlin,
    Mitglied Kulturkommission Gemeinde Stans

    Anmerkungen
    [1] Immerhin verschaffte das einer Partei den nötigen Leerraum, um das Thema Identität in eigener Sache quasi neu zu bespielen.
    [2] “Harald Szeemanns Wunderkammer, Die Faszination der Archive”, DU, Das Kulturmagazin, April 2009.
    [3] 2015 erscheint Rapper Stress als Winkelried erneut. Diesmal in Königsfelden, innerhalb der Aargauer Ausstellungsreihe “1415 – Die Eidgenossen kommen” prominent in Szene gesetzt.
    [4] Frappierendes Beispiel dafür ist die 1999 ausgegrabene Himmelsscheibe von Nebra. Die aufwändige didaktische Aufarbeitung dieser Entdeckung ist sicherlich informativ und zeitgemäss. Ungleich stärker jedoch ist die Präsenz des Objekts an sich, ausgestellt im Landesmuseum Sachsen-Anhalt in Halle
    [5] Manfred Bötzkes, Bernhard Graf, Jochen Worsch, “Tradition und Faszination – Veränderungen und Trends von Museen in Deutschland”, in: Zeitschrift für Organisationsentwicklung 02/1994, Verfügbar unter http://www.zoe-online.org/content/default.aspx?_s=300723 (letzter Abruf 22.9.2015).

  5. Richtigerweise konzentriert sich die Ausstellung auf die plausiblen Fakten und lässt auch Winkelried beim Schlachtgeschehen weg. Er wird als Teil der historischen Mythenbildung und des modernen Marketings gezeigt. Diese Klarheit wäre der Präsentation und Interpretation der Schlacht auch zu wünschen. Warum kommt die Schlacht nur am Vortag in der Tagesschau vor, warum “berichtet” das Fernsehen am Abend der Schlacht nicht davon – und vielleicht sogar noch einmal einen Monat später?

    Die Schwäche der Ausstellung ist, dass diese nur den Mythos Winkelried entlarvt und kein neues Bild setzt. Nach der Ausstellung bleibt die Botschaft, dass Winkelried ein Mythos ist. Das ist zu wenig. Es muss eine neue idenditätsbildende Geschichte, vielleicht ein Drama, eine Narration als Erinnerung von der Ausstellung bleiben.

    Seit den 1960er Jahren versucht die Historikerzunft richtigerweise die Mythen zu zertrümmern. Dieses Jahr schaffte es Thomas Maissen sogar, Christoph Blocher in Argumentationsnöte zu bringen. Chapeau! Die grosse Gefahr dabei ist, dass mit der Konzentration auf die Demontage der Mythen diese immer wieder auch belebt werden. Von den Kommunikationswissenschaften weiss man, dass man nicht immer wieder von etwas sprechen soll, was nicht wahr ist. Falschen Interpretationen begegnet man eher, indem man eine neue Agenda setzt.

  6. Mir scheint, dass hier eine falsche Alternative aufgemacht wird:

    Auf der einen Seite die Vorstellung, dass Ausstellungen (wie andere Medien der öffentlichen Auseinandersetzung mit Geschichte) immer nur positive, eindeutige Aussagen machen können, die frühere, als “falsch” entlarvte ablösen, aber letztlich im gleichen Gestus verbleiben, nämlich die eigene Aussage zu machen; und auf der andere Seite die “negative” Ausstellung, welche ältere Mythen und “falsche” Deutungen entlarvt, aber keine eigenen Aussagen machte; salopp: die den Besucher und Benutzer ratlos zurücklässt — sei es aus Überforderung, angesichts fehlender Informationen für neue Kontextualisierungen oder auch wegen mangelnder motivierender Denkangebote (“so what”?).

    Ist das wirklich die Alternative? Ich kann weder glauben, dass Museen in modernen, posttraditionalen und pluralen Gesellschaften so funktionieren können oder sollten, dass einfach alte Deutungen durch neuere (“bessere”) positive Angebote ersetzt werden, die Besucher aber im gleichen, letztlich rezeptiven Modus verbleiben wie bei der vorherigen; noch kann ich mir vorstellen, dass es auch nur möglich wäre, eine Ausstellung zu machen, welche keine einzige positive Aussage hätte. Ich kenne die hier angesprochene Ausstellung nicht, aber dass die Macher keinerlei eigene Deutungen hineingebracht hätten, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Vielleicht sind sie nicht sichtbar genug.

    Das aber führt zu einer wirklich didaktischen Frage: Sind Museen und Ausstellungen nur Medien in dem (m.E. falschen) Sinne, dass mit ihnen Deutungen “übermittelt” werden — oder sind sie Medien in jenem weiteren (m.E. besseren) Sinne, dass in und mit ihnen (zwischen) Deutungen “vermittelt” wird?

    Letzteres täte der Geschichtskultur gut. Weder wären Museen und Ausstellungen (und ihre Macher) auf eine “didaktische” Belehrungsfunktion reduziert, noch die Besucher auf die der Rezipienten, sondern alle Beteiligten wären als Beteiligte einer öffentlichen Auseinandersetzung um oder über (nicht “mit”) Geschichte angesprochen. Dann ist zweierlei denkbar:

    Das Museum braucht sich nicht (auch nicht aus Furcht vor “falschen” Deutungen oder gar “Indoktrination”) eigener (“positiver”) Aussagen zu enthalten, aber es müsste diese nicht im Gestus der Präsentation des besten gegenwärtigen Wissens ausstellen, welcher einfach das alte Wissen ersetzte, sondern es könnte (sollte, müsste) sowohl die alten Deutungen wie die eigene Deutung mit einer “aufgerauhten Oberfläche” präsentieren, welche sie als das erkennbar machen, was sie sind: als perspektivische Deutungen, die durch die Perspektive ihre Limitationen haben, aber auch ihre Bedeutung und Funktion gewinnen.

    Das aber erfordert eindeutig, Abstand zu nehmen von positiven Identifikationsangeboten mit einem neuen Geltungsanspruch, und diesen zu ersetzen durch eine Präsentation, welche in der Tat plurale Deutungen, Identifikationen darstellt und zur Reflexion anbietet.

    Das mag dann weniger ratlos machen als rein negative “Auslageordnungen”, insofern es erkennbare Angebote macht. Es hat dann aber auch nichts mehr zu tun mit Identitätsstiftung und Affirmation sondern viel mit Reflexion — und vielleicht auch mit der Förderung von Dialog und Reflexionsfähigkeit.

    In diesem Sinne würde ich Margret Omlin gerne deutlich zustimmen.

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