Der Einbürgerungstest. Geschichte als Eintrittskarte?

 

Welche Erzählungen über die Vergangenheit eine Gesellschaft bewahren will, zeigt sich bei den Tests zur Erlangung von Staatsbürgerschaft. Menschen, die sich für eine neue Staatsbürgerschaft bewerben, müssen in verschiedenen Ländern beweisen, dass sie über ein Grundwissen zur Geschichte des entsprechenden Landes verfügen. Im Schweizer Kanton Aargau beispielsweise werden den BewerberInnen mittels Zufallsgenerator 45 Fragen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad gestellt, die sie in 40 Minuten beantworten müssen.1 In einem aufwändigen Verfahren, an dem Politik, Wissenschaft und Praxis beteiligt waren, wurde ein Katalog von insgesamt 244 Fragen entwickelt. 92 Multiple-Choice-Fragen befassen sich mit Geschichte. Dazu kommen weitere 108 Fragen zu “Demokratie, Rechtsstaat und Föderalismus“ sowie 44 Fragen zu “Sozialstaat und Zivilgesellschaft“.

 

 

Schlüsselereignisse und bedeutsame Menschen

Die Fragen zur Geschichte zielen in unterschiedliche Richtungen. Rund ein Drittel der Fragen thematisiert Schlüsselereignisse, und in den je 4 Antwortmöglichkeiten, von denen immer genau eine richtig ist, werden Ursachen oder Folgen davon zur Auswahl unterbreitet. Auf die Frage “Was löste 1918 einen landesweiten Generalstreik aus?“ lautet die richtige Antwort “die soziale Not der Arbeiterschaft“. Ebenfalls rund ein Drittel der Fragen zur Geschichte thematisiert bedeutsame Schweizer Menschen aus der Vergangenheit. Wenn in der Frage der Name genannt wird, dann müssen die BewerberInnen oft eine wichtige Leistung der Menschen ankreuzen. Auf die Frage “Welche Organisation gründete Henry Dunant (1828-1910) in Genf?“ lautet die richtige Antwort “das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK)“. Gefragt wird auch nach Wilhelm Tell als geschichtliche Sagenfigur, die gegen fremde Herrscher kämpfte. Es tauchen im Test also nicht nur historisch verbürgte Menschen auf, sondern auch solche, die nie gelebt haben, aber für die Schweizer Erinnerungskulturen bedeutsam sind.

Auswendig lernen oder Kurs besuchen?

Da alle Fragen im Internet zugänglich sind, können BewerberInnen die Lösungen auswendig lernen, sofern sie dafür die notwendigen Fähigkeiten haben und die Sprache beherrschen. In diesem Fall haben sie wohl wenig von der Schweizer Geschichte verstanden – aber einen Tatbeweis erbracht, dass ihnen die Staatsbürgerschaft wichtig ist. Sinn für historisches Denken machen solche Multiple-Choice-Fragen zu Schlüsselereignissen und Menschen nur dann, wenn sie Anlass sind, sich vorher oder nachher mit dem geschichtlichen Kontext auseinanderzusetzen. BewerberInnen für die Staatsbürgerschaft können dies in speziell dafür angebotenen Kursen oder mit der Lektüre eines Geschichtsbuchs tun. Interessant ist, dass beispielsweise Geschichts-Studierende an der PH Freiburg i.Br. oder Geschichts-Lehrpersonen im Südtirol ohne jegliche Vorbereitung im Durchschnitt gute bis sehr gute Resultate beim Schweizer Einbürgerungstest erzielen. Das schaffen sie ohne detaillierte Kenntnisse der Schlüsselereignisse und Menschen wohl einfach deshalb, weil sie vor dem Hintergrund ihres geschichtlichen Wissens bei vielen Fragen die richtige Lösung erschließen können.

Staatsbürgerschaftstest als Spiegel für Public History

So lohnt es sich denn, die Staatsbürgertests daraufhin zu analysieren, wer oder was darin vorkommt und wer oder was nicht. Staatsbürgertests sind ein guter Indikator für die Themen und Inhalte der staatlich erwünschten Public History. Hier ist abzulesen, welche Narrative eine Gesellschaft für ihre Mitglieder als zentral erachtet und aus welcher Perspektive Geschichte erzählt wird. Nicht thematisiert ist im Aargauer Staatsbürgertest etwa die Völkerwanderungszeit, wo die Ursachen für die Viersprachigkeit der Schweiz zu finden sind. Und nach wie vor wird das späte Mittelalter auf dem Gebiet der heutigen Schweiz ganz aus Sicht der Eidgenossenschaft erzählt: Winkelried, den Helden aus der Schlacht bei Sempach 1386, müssen alle künftigen SchweizerInnen kennen. Offenbar ist wichtig zu wissen, dass Eidgenossen ihr Leben heldenmütig auf dem Schlachtfeld opferten – um die Habsburger zu besiegen, zu denen damals auch die Menschen im Gebiet des heutigen Aargaus gehörten: Welch schönes Beispiel, dass die Sieger die Geschichte schreiben! Die Habsburger werden auch im Staatsbürgertest in Österreich thematisiert.2 Dort lautet die Frage „Wie hieß die einzige Frau an der Spitze des Hauses Habsburg?“ Gesucht ist Maria Theresia.

Sinnlose Schikane oder sinnvolle Integrationshilfe?

In den USA wird weder nach Winkelried noch nach Maria Theresia gesucht, sondern nach Susan B. Anthony.3 Wo liegt der Vorzug, wenn ich als künftiger Amerikaner weiß, dass sich Susan B. Anthony für die Bürgerrechte und Frauenrechte einsetzte? – Im günstigen Fall realisiere ich als Bewerber bei der Begegnung mit der Frage zu Susan B. Anthony, dass für das heutige Amerika offenbar die Bürger- und Frauenrechte als bedeutsame Errungenschaft betrachtet werden. Das wäre ein erster wichtiger Schritt zum Aufbau oder zur Festigung von Einstellungen, die für die Gesellschaft von Bedeutung sind. Wir wissen, dass Menschen, die sich bewusst, kritisch und vergleichend mit Argumenten auseinandersetzen, stabilere Einstellungen haben und sich konsistenter dazu verhalten. Dass dies geschieht, dafür reicht ein Multiple-Choice-Test nicht. Aber er kann dafür ein erster Schritt sein. Was folgen müsste und was im Aargau auch folgt, ist ein Gespräch über den Multiple-Choice-Test und über die richtigen und falschen Antworten. Es scheint mir deshalb klüger, sich bei den Staatsbürgertests für gute geschichtliche Fragen und für ein zielführendes Setting einzusetzen als bequem auf die Kritik aufzuspringen und die Staatsbürgertests in Bausch und Bogen abzulehnen.

 

 

Literatur

  • Bernhardt, Markus / Mayer, Ulrich / Gautschi, Peter: Historisches Wissen – was ist das eigentlich? In: Kühberger, Christoph (Hrsg.): Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundung zu Art, Tiefe und Umfang für das historische Lernen. Schwalbach/Ts. 2012, S. 103-117.
  • Conrad, Christoph / Kocka, Jürgen (Hrsg.): Staatsbürgerschaft in Europa. Historische Erfahrungen und aktuelle Debatten. Hamburg 2001.
  • Windischbauer, Elfriede: Historisches Wissen als Voraussetzung für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft. In: Kühberger, Christoph (Hrsg.): Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundung zu Art, Tiefe und Umfang für das historische Lernen. Schwalbach/Ts. 2012, S. 249-265.

Externe Links

 


Abbildungsnachweis
© Wikimedia Commons. Der Schweizer Pass – Ausweis der Staatsbürgerschaft.

Empfohlene Zitierweise Gautschi, Peter: Der Einbürgerungstest. Geschichte als Eintrittskarte? In: Public History Weekly 2 (2014) 27, DOI:  dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2345.

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  1. Staatsbürgertests im Kanton Aargau/Schweiz: http://www.einbuergerungstest-aargau.ch/  (zuletzt am 6.7.2014).
  2. Übungstest zur Erlangung der Staatsbürgeschaft in Österreich: http://www.staatsbuergerschaft.gv.at/index.php?id=24 (zuletzt am 6.7.2014).
  3. U.S. Citizenship Test Questions: http://usgovinfo.about.com/od/rightsandfreedoms/fl/US-Citizenship-Test-Questions.htm (zuletzt am 6.7.2014). Einbürgerungstest Deutschland: http://oet.bamf.de/pls/oetut/f?p=512:1:14948847794  (zuletzt am 6.7.2014).

Categories: 2 (2014) 27
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2345

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  1. Der Staatsbürgerschaftstest aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive

    Peter Gautschi stellt in seinem Eintrag treffend fest, dass ein Staatsbürgerschaftstest aufzeigen kann, welches Selbstverständnis eine Gesellschaft hat und gerne aufrechterhalten möchte. Dabei konzentriert sich der Kommentar von Gautschi alleine auf die historische Ausrichtung des Tests. Hier ist zu erwähnen, dass der Staatsbürgerschaftstest nicht primär das Ziel hat, das Wissen über die Geschichte der Schweiz bei den Einbürgerungswilligen abzufragen. Vielmehr will der Test vermitteln, dass „die Einbürgerung den Schritt von der gut integrierten Person ausländischer Staatsangehörigkeit zur Staatsbürgerin beziehungsweise zum Staatsbürger darstellt“.[1] In diesem Sinne ist das Ziel des Tests festzustellen, ob die Einbürgerungswilligen zur Teilnahme am politischen Leben und zur Ausübung ihrer politischen Rechte befähigt sind.[2] Damit BürgerInnen sich im politischen Prozess zurechtfinden, müssen sie ein Wissen über und ein Verständnis für die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen haben. Neben den aktuellen Ereignissen sollen die BürgerInnen ebenso verschiedene philosophische Grundideen verstehen, wie man das gesellschaftliche Zusammenleben gestalten möchte.[3] Die Beurteilung des Staatsbürgerschaftstest als Indikator für das Selbstverständnis einer Gesellschaft darf daher nicht nur aus einer historischen Perspektive geschehen. Es muss ebenfalls die politische Perspektive berücksichtig werden. Der vorliegende Kommentar will am Ansatz von Gautschi anknüpfen und den Test zusätzlich aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive beurteilen. Die politische Betrachtungsweise des Tests ermöglicht, über das historische Selbstverständnis der Gesellschaft auch ihr Selbstverständnis in Bezug auf die politische Ordnung aufzuzeigen. Ebenso gibt die politische Analyse des Tests Auskunft darüber, wie der Kanton Aargau die Rolle der BürgerInnen im politischen Prozess versteht.

    Bemängelt Gautschi das Fehlen der Völkerwanderungszeit im Staatsbürgerschaftstest, muss wohl darauf hingewiesen werden, dass für die Fähigkeit sich am politischen Leben zu beteiligen, dieses Thema zu Recht nicht im Test enthalten ist. Denn verfehlt wäre es, den Test auf rein historische Fragen über alle Epochen zu reduzieren. Der Beitrag von Gautschi kann den Eindruck dabei nicht abwenden, dass der Autor den Auftrag des Tests in diese Richtung versteht. Nichtsdestotrotz ist ein Wissen über und Verständnis für historische Themen für die Fähigkeit sich am politischen Leben zu beteiligen in dem Sinne sinnvoll, als politisches Handeln immer auch aus den gemeinsamen Erfahrungen der BewohnerInnen eines Landes heraus entsteht. Dabei vertrete ich die Meinung, dass historische Fragen in einem Staatsbürgerschaftstest im Zusammenhang stehen sollen mit politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklungen, die für das Verständnis des politischen Prozesses von Bedeutung sind. Bezüglich des abgefragten historischen Wissens weist Gautschi zu Recht darauf hin, dass wichtige Themen nicht angesprochen werden und gewisse Fragen Schweizer Mythen kritiklos weitergeben.

    Ebenso kritisch muss das abgefragte Wissen zu den gesellschaftlichen und politischen Themen betrachtet werden. In meiner Masterarbeit[4] unterzog ich den Test einer detaillierten Analyse und ordnete die Fragen, abgesehen von der historischen Dimension, neun Themenkomplexen zu. Diese setzten sich aus den folgenden Kategorien zusammen:
    (1) philosophische Konzepte (Politische Macht, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit)
    (2) ordnungspolitische Konzepte (Rechtsstaat, Demokratie, Föderalismus)
    (3) zielorientierte Konzepte (Gesellschaftlicher Wohlstand & Nachhaltigkeit, Nationale Unabhängigkeit & Sicherheit).[5]
    Auffällig an meinen Resultaten war, dass fast ein Viertel der Fragen als nicht relevant für die politische Mündigkeit eingeordnet werden können, da diese sich unter anderem mit geographischer Landeskunde oder dem privaten Leben beschäftigten. Zudem fehlt im Test die Auseinandersetzung mit den philosophischen Konzepten, welche aufzeigen sollen, dass es unterschiedliche Vorstellungen gibt, wie sich eine Gesellschaft organisieren kann und welche Werte sie umsetzen soll.

    Neben den politisch nicht relevanten Fragen wird im Test vor allem institutionelles Faktenwissen abgefragt. Dabei werden die ordnungspolitischen Konzepte nicht mit wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Herausforderungen in Verbindung gebracht. Bezüglich des politischen Systems werden vor allem Aspekte der direktdemokratischen Volksrechte betont. Fragen zum gesellschaftlichen Pluralismus, welche gesellschaftliche und soziale Strukturen behandeln, werden ignoriert. Ebenso wird das zurzeit kontrovers diskutierte Verhältnis von Demokratie und Rechtsstaat ausgeblendet. In Bezug auf das politische Selbstverständnis zeigt sich im Staatsbürgerschaftstest, dass die Schweiz sich gerne auf den Lorbeeren der in anderen Ländern nicht gegebenen direktdemokratischen Instrumente ausruht. Obwohl man stolz darauf ist, dass BürgerInnen auch bei Sachfragen ein Mitspracherecht haben, wird der Bürger / die Bürgerin auf den folgsamen Stimmzettel-Ausfüller reduziert, indem bei den politischen Fragen mehrheitlich klassische Staatskundeaufgaben im Vordergrund stehen. Die Umsetzung der direkten Demokratie erfordert jedoch mehr als die reine Teilnahmefähigkeit der BürgerInnen. Damit Wahlen und Abstimmungen demokratisch sinnvoll sind, müssen BürgerInnen in der Lage sein, den politischen Prozess kritisch zu beobachten und zu beeinflussen. Dafür müssen auch Herausforderungen und Probleme in das tradierte Selbstverständnis einer Gesellschaft aufgenommen werden.

    Anmerkungen
    [1] Regierungsrat des Kantons Aargau (2011): Botschaft zur Totalrevision des Gesetzes über das Kantons- und Gemeindebürgerrecht (KBüG) – Entwurf vom 23.11.2011. Kanton Aargau. S. 40-41.
    [2] „Die staatsbürgerlichen Kenntnisse sind ausreichend, wenn Grundkenntnisse der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Schweiz, im Kanton und in der Gemeinde bestehen, die insbesondere zur Teilnahme am politischen Leben befähigen sowie die Ausübung der politischen Rechte ermöglichen.“ Art. 6 Abs 2 KBüG; Gesetz über das Kantons- und das Gemeindebürgerrecht des Kantons Aargau vom 12. März 2013.
    [3] GPJE (2004): Nationale Bildungsstandards für den Fachunterricht in der Politischen Bildung an Schulen – Entwurf. Schwalbach: Wochenschau Verlag.
    [4] Hedinger, Franziska (2014): Die Staatsbürgerschaftsprüfung als Messinstrument politischer Mündigkeit – Eine Inhaltsanalyse des Einbürgerungstests des Kantons Aargau. Masterarbeit, Institut für Politikwissenschaften, Universität Zürich.
    [5] Abweichend von Gautschi identifizierte ich dabei nur 33 Fragen, welche sich mit klar historischen Fragen auseinandersetzen.

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