Danke und nichts für ungut! Geisteswissenschaften ganz bei sich

 

From our “Wilde 13” section.

“Danke für die freundliche Einführung”, “Vielen Dank für die anregenden Kommentare”, “Ich danke ihnen für die weiterführenden Hinweise”, “Danke, ich werde das gerne aufnehmen” – danke, danke, danke und nichts für ungut in den Geisteswissenschaften. Es gibt eine Reihe von Floskeln, um die im Tagungsbetrieb niemand herumzukommen scheint; Formulierungen, die ihm ins akademische Brevier geschrieben wurden und zwar von Studentenbeinen an. 

 

Verkapselung

Aber was verbirgt sich dahinter eigentlich? Ist es nicht begrüßenswert, dass KollegInnen, einander mit Respekt begegnen? Dass jeder tun und sagen kann, was er tun und sagen möchte, solange der eigene Auftritt davon nicht gestört wird? Etwas ketzerisch jetzt: Man könnte meinen, die Dankesbekundungen auf Tagungen seien mit dem heimlichen Wunsch verknüpft, in Bezug auf den eigenen Vortrag nicht weiter beunruhigt werden zu wollen – und zwar, indem man die Vorredner auch nicht weiter beunruhigt. Im Grunde ist mit diesem gegenseitigen Nichtangriffspakt aber etwas anderes angesprochen – das Verhältnis zur Öffentlichkeit nämlich, die Frage also, wie die Relevanz des jeweiligen Fachs innerhalb und außerhalb der eigenen Reproduktionszyklen ermittelt wird, wenn sie denn überhaupt ermittelt wird. Dass es besonders in Disziplinen mit starkem Theoriebezug einen Hang zur Verkapselung gibt, liegt in der Natur der Sprache, die sie verwendet, aber eben nicht nur. Dass eine außerakademische Öffentlichkeit überhaupt als adressierbar vorstellbar wird, scheint in den Geisteswissenschaften keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein. Theorieexporte in andere Fächer oder Lebensbereiche, das heißt in andere Denk- und Methodenfelder sind selten.

Die Motten und das Licht

Kürzlich auf einer Berliner Tagung zu den historischen Funktionen des geisteswissenschaftlichen Sachbuchs kam es zu einem denkwürdigen Zwischenfall. Ein junger Wissenschaftshistoriker referierte zu Theoriemoden. Seine Historisierung bestimmter Denkstile innerhalb der deutschen Universität bestach durch gut platzierte Pointen, präzise eingesetztes Bildmaterial und eine elegante Rhetorik. Nun waren alle Tagungsbeiträge so angelegt, dass jeweils ein Kollege darauf zu replizieren hatte. Die meisten bedankten sich allerdings nur und hielten anschließend Co-Referate. Im beschrieben Fall passierte etwas Ungewöhnliches. Ein älterer Germanist aus Siegen ging nach anfangs väterlichem Lob für seinen Vorredner in eine angriffslustige Stilkritik über. Er extrapolierte ein paar süffige Stellen aus früheren Aufsätzen des jüngeren Kollegen, etwa solche, in denen davon die Rede war, die akademische Linke hätte sich vom “Jet-Set-Christdemokraten” Niklas Luhmann angezogen gefühlt wie Motten vom Licht. So eine rhetorische Distanzierungsmaßnahme sei zwar hübsch zu lesen, dem Gegenstand aber kaum angemessen, meinte der Ältere. Darf man so etwas? Süffig schreiben? Metaphern als ironische Stilsignale in eine seriöse Forschungsarbeit implementieren? Die “Stilpolizei!”, sah nun ein Geschichtsprofessor aus Luzern am Werk. Irritiert versuchte der inkriminierte Kulturwissenschaftler seinen teilweise feuilletonistischen Schreibstil zu verteidigen. In Bezug auf sein bald erscheinendes Buch gab er zu, dass es ihm schwer gefallen sei, einen „angemessenen“ Ton zu finden, der sowohl der Dignität des Theorie-Themas als auch seinem anekdotischen Potenzial gerecht geworden wäre.

Willemsen, Precht, Sloterdijk

Auch wenn man die etwas plumpe Stilkritik des Germanisten altbacken finden konnte, so lag in ihr doch ein gewisses Diskussionspotenzial. Denn es lässt sich an eine solch sprachkritische Aufwallung doch die Frage gut knüpfen, was für Typen von öffentlich agierenden Intellektuellen es in Deutschland überhaupt gibt. Da wären zum einen die (freiwillig oder unfreiwillig) aus dem akademischen Betrieb Ausgeschiedenen vom Schlage eines Roger Willemsen, der sein schlummerndes Showtalent auf ziemlich überzeugende Weise mit intellektueller Kompetenz zu koppeln weiß. Ein anderes Beispiel wäre Richard David Precht, bei dem der volkspädagogische Impuls im Vordergrund steht, was zwar zu Lasten der wissenschaftlichen Akkuratesse geht, aber eine Breitenwirkung nach sich zieht, die in den Geisteswissenschaften derzeit ihresgleichen sucht. Zuletzt gibt es noch ein paar institutionell eher auf Abwegen wandelnde Figuren wie Peter Sloterdijk, die aber schon wieder kaum jemand außerhalb des akademischen Feldes kennt. Ein paar Professoren mit Standleitung ins deutsche Feuilleton wie neuerdings Harald Welzer haben sich auf Zeitdiagnostik verlegt. Wo soll sich die disziplinär gebettete GermanistIn, Theorie- oder IdeengeschichtlerIn in diesem Spektrum einordnen? Mit welchem Ziel? Und vor allem: in welcher Sprache?

Antiöffentliches Schreiben

Die Zeit der bürgerlichen Buchgelehrsamkeit ist jedenfalls an ihr Ende gekommen. Auch scheint Theoriebildung heute nicht mehr an eine politische Erlebniskultur à la 68 gekoppelt zu sein. Heißt das für die Geisteswissenschaften den endgültigen Rückzug in die Intimität des jeweiligen Fachs, das den Kontakt zum akademischen Außen längst verloren hat, weil es nach der Anschlussfähigkeit der von ihm aufgeworfenen Fragen an außerfachliche Sphären gar nicht mehr fragt? Nicht einmal zehn Prozent des Umsatzes im Bereich staatlich subventionierter Sachbücher wird heute über den Buchhandel generiert, konnte man auf der Berliner Tagung erfahren. Das heißt im Klartext: Obwohl so viel Wissenschaftsprosa wie nie produziert wird, nimmt kaum ein Laie je Kenntnis davon – bei der schieren Menge dessen, was heute an Universitäten publiziert wird, muss das zwar kein kulturelles Verfallssymptom sein, aber absurd ist die Vorstellung, dass da offensichtlich notorisch und irgendwie auch unhinterfragt für eine Antiöffentlichkeit geschrieben wird, schon.

Was hat das alles mit den dankenden Rückversicherungen dafür zu tun, dass man sich im Format der Fachtagung wohl in einer Art Reservat zu befinden meint? Ziemlich viel. Denn Dankbarkeit kann, wie gesagt, auch eine Verabredung zur Untätigkeit sein.

 

 

Literatur

  • Kaube, Jürgen: Denken zwischen Mülltrennung und Notaufnahme. Über das wissenschaftliche Sachbuch, in Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.3.2012, online.
  • Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a.M. 1991 (frz. EA 1971).
  • Bourdieu, Pierre: Homo academicus, Frankfurt a.M. 1988 (frz. EA 1984).

Externe Links


Abbildungsnachweis
Tagungsraum eines Schlosses. © Thomas Bornschein (2007) / Pixelio.de

Empfohlene Zitierweise
Teutsch, Katharina: Danke und nichts für ungut! Geisteswissenschaften ganz bei sich. In: Public History Weekly 2 (2014) 15, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2021.

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DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2021

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  1. Zweifellos macht der Beitrag von Katharina Teutsch auf eine für die Geisteswissenschaften der Gegenwart bezeichnende Gefühlslage aufmerksam: die nur sehr mäßige öffentliche Resonanz auf ihre in Büchern und Aufsätzen niedergelegten Forschungsergebnisse. Als Teilnehmer der erwähnten Veranstaltung zum geisteswissenschaftlichen Buch, als regelmäßiger Gast bei Tagungen unterschiedlicher Disziplinen und schließlich als publizierender Geisteswissenschaftler selbst möchte ich die These, dies liege an den Gepflogenheiten der Tagungskultur und am Stil akademischer Schriften jedoch hinterfragen.

    Zu der Berliner Tagung und zur angesprochenen Kontroverse wäre mindestens die Irritation des “älteren Germanisten aus Siegen” zu ergänzen, der seine in der Tat mit einiger Missbilligung vorgebrachte Kritik einzelner Metaphern und Vergleiche zum Anlass einer systematischen Reflexion nahm und schließlich zugestand, dass dieser Stil einer erkenntnislogisch notwendigen Distanzierung diente. Denn wenn die “akademische Linke”, die die Systemtheorie Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie salonfähig machte, als das Licht umschwirrender Mottenschwarm vergegenständlicht wird, kann eine Theorielektüre, der das eigene Forschen selbst verbunden ist, zum Erkenntnisobjekt werden. Dieser Gedankengang, den der “junge Kulturwissenschaftler” sogleich im Nachdenken über den “angemessenen Ton” seines Buchs aufnahm, wurde in der folgenden Diskussion jedoch übersehen. Stattdessen tat man die vorgebrachte Stilanalyse ihrerseits als unangemessen wo nicht ungehörig ab. Mit der Öffentlichkeit von Wissenschaft hatte die geschilderte Auseinandersetzung nur mittelbar zu tun.

    Ob die in den Literatur- und Kulturwissenschaften tatsächlich oft geübten Dankbarkeitsrituale tatsächlich einem Nichtangriffspakt interesseloser Unverbindlichkeit dienen, lässt sich ebenfalls bezweifeln. Namentlich unter Historikerinnen und Historikern ist es durchaus üblich, überaus deutlich Missfallen zu äußern und mit gezielten Fragen die Wissenslücken und Inkonsistenzen des Vorgetragenen möglichst offenkundig zu machen. Nicht selten werden dabei die Doktoranden ungeliebter Kolleginnen blamiert, die auf diese Weise fachinterne Verwerfungen ausbaden müssen. Wird man angegriffen, obgleich man sich in vielfacher Hinsicht in der unterlegenen Position befindet, ist ostentativer Dank keine schlechte Strategie. Nimmt man der Kritik doch so die Schärfe und kann eine Verteidigung vorbringen, ohne zum Gegenangriff auf mögliche künftige Gutachter, Geldgeber etc. ansetzen zu müssen.

    Trotzdem gibt es zweifellos sehr viele geisteswissenschaftliche Bücher, die öffentlich nicht nur wenig, sondern überhaupt keine Resonanz erfahren. Es ist allerdings fraglich, ob das tatsächlich vor allem mit Stilfragen und Umgangsformen zusammenhängt. Denn die zweifellos wirksame Prosa Luhmanns wird man kaum “süffig” oder feuilletonistisch nennen können und auch die anderen in diesem Zusammenhang als Gegenbeispiele angeführten Theorie- und Wissenschaftsklassiker von Adorno, Popper, Habermas bis Thomas Kuhn dürften kaum wegen ihres Stils auf öffentliches Interesse gestoßen sein – wobei dessen Umfang zunächst einmal empirisch ermittelt werden sollte. Es ging wohl eher um die Inhalte, darum, dass Geisteswissenschaftler etwas zu sagen hatte, das politische, gesellschaftliche, ethische oder immerhin kulturelle Folgen zu haben beanspruchte.

    Nun ist das Zeitalter der großen Erzählungen vorbei, in die wissenschaftliche Texte sich nur einzuschreiben brauchten, um als Teil allgemeiner Welt- und Menschenbeglückung verstanden zu werden. Mithin müssen geisteswissenschaftliche Bücher ihre öffentliche Bedeutsamkeit in der Regel selbst produzieren. Dabei kommen dann einerseits formale Fragen viel stärker in den Blick und andererseits ist Scheitern allemal wahrscheinlich. Noch viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Versuch, eine solche Relevanz herzustellen, deshalb erst gar nicht unternommen wird und man kann berechtigt darüber nachdenken, ob für solche Schriften nicht anlassbezogen andere Publikationsformen geeigneter wären.

    Trifft die Diagnose vom “endgültigen Rückzug in die Intimität des eigenen Fachs” also zu? Ja und nein. In meinem geisteswissenschaftlichen Alltag vergeht keine Woche, in der nicht Anfragen zu Interviews oder Hintergrundgesprächen eingehen, Zeitungen oder Zeitschriften, Blogs oder online-Portale um Beiträge oder Rezensionen bitten, ich zu öffentlichen Veranstaltungen eingeladen werde usw. Einige dieser Angebote nehme ich an, andere lehne ich ab, stets zwischen den eigenen Forschungsinteressen, berechtigten öffentlichen Ansprüchen an Wissenschaft und den allfälligen Zeitnöten abwägend. Ich nehme an, dass es den meisten Kolleginnen und Kollegen ganz ähnlich geht. An Öffentlichkeit besteht mithin kein Mangel, auch wenn man diese kaum als Lehrer ganzer Kohorten des akademischen Nachwuchses oder als Wegweiser für das wahre Leben im Falschen erreicht, dem gläubig auf Buchlänge gefolgt würde – aber vielleicht ist das nicht nur ein Mangel.

  2. Avatar

    Welche Germanistik, welche Öffentlichkeit, welche Vermittlungsaufgabe?

    Katharina Teutsch setzt sich weniger mit der Germanistik auseinander, als sie wohl selber glaubt. Tatsächlich behandelt sie Probleme, die alle wissenschaftlichen Disziplinen haben, und das nicht erst neuerdings: Deren Sprache ist nicht die der “Öffentlichkeit” (bewahre!), Fachtagungen sind grundsätzlich “Reservate” (eine sehr unglückliche Metapher), und Laien nehmen von “Wissenschaftsprosa” auch sonst keine Notiz (warum sollten sie?). Dass der Wissenschaftsbetrieb teilweise (nur) funktioniert, weil man einander gewähren lässt und Desinteresse an dem, was viele Kollegen tun, mit Freundlichkeit maskiert, ist sicherlich auch nicht spezifisch germanistisch.

    Was Teile der Germanistik, besonders der Literaturwissenschaft, gegenüber der Alltagsentrücktheit und sprachlichen Hermetik aller Wissenschaften vielleicht auszeichnet, ist einerseits ihr Liebäugeln mit feuilletonistischer Denke und Schreibe (was das ist, führt Katharina Teutsch selber trefflich vor) und andererseits eine diffuse Erwartung der öffentlichen Meinung, das Fach müsse doch wohl besonders gesellschafts- bzw. alltagsrelevant sein. Warum eigentlich? Man könnte den Grund für diese beiden Besonderheiten in der Geschichte des Faches suchen: Geburtshelfer der Germanistik waren bekanntlich nationalkonservative Kreise, die Mitte des 19. Jahrhunderts auch akademisch sichtbar machen wollten, was auf der politischen Bühne ausgestellt wurde: Deutsch(land) als neuen Stern am Himmel der einflussreichen Wirkmächte. Auch sorgte die Schlüsselstellung der Germanistik für die akademische Kultur nach 1968 dafür, dass das Fach in den 1970er Jahren von Studierenden, ProfessorInnen und auch der Öffentlichkeit als eine Art politische Literatur- und Sprachwissenschaft betrachtet worden ist. Die nachfolgend immer wieder beklagte angebliche oder angeblich mangelnde gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften wäre ein anderes Thema.

    Wir beschränken uns auf drei Feststellungen:

    1. Das Fach erforscht sprachliche und literarische Praxis (genauer: Praxen) in Vergangenheit und Gegenwart, was jeweils spezifische Sprach- und Literaturtheorien erfordert. Seine Gegenstände umfassen auch nicht nur mündliche und schriftliche Kommunikationsformen, sondern zunehmend alle medialen Ausdrucksmöglichkeiten, was eine Öffnung hin zu anderen Kulturwissenschaften nahe legt. All das bedeutet aber gerade nicht, dass jeder Laie verstehen (können) muss, was da geschieht (weil es sich doch um „Deutsch“ handelt, was ja jedermann verstehe? Unsinn!).

    2. “Die Germanistik” gibt es so nicht: Die Sprach- und Kommunikationskulturen der LiteraturwissenschaftlerInnen, der LinguistInnen, der MediävistInnen und nicht zuletzt der FachdidaktikerInnen unterscheiden sich erheblich. Besonders letztere haben zur sogenannten Öffentlichkeit seit dem PISA-Schock ein kompliziertes Verhältnis: Politik und Gesellschaft wollen von ihnen schnelle, einfache und am besten auch noch kostengünstige Lösungen für bildungspolitische Probleme, die von einer wissenschaftlichen Disziplin nicht zu haben sind, ohne dass sie ihren eigenen Anspruch auf sorgfältige Untersuchungen und Reflexion der Studien aufgibt. Ihre Antworten sind denn auch häufig nicht schlagzeilenkompatibel. Die Medien greifen dann gerne auf verkürzte und komplexitätsreduzierende Darstellungen zurück, die den Stand der Forschungsdiskussion verzerrt wiedergeben.

    3. Ebenso wenig wie es “Die Germanistik” gibt, gibt es “Die Öffentlichkeit”. Zur Öffentlichkeit der Fachdidaktik Deutsch beispielsweise gehören ganz wesentlich Lehrerinnen und Lehrer. Sie werden über zahlreiche adressatenspezifische Zeitschriften und Fortbildungsveranstaltungen stets auf dem Laufenden gehalten, was die Wissenschaft in Erfahrung gebracht hat und noch diskutiert. Dazu gehören auch ganz praktische Unterrichtsvorschläge, die unmittelbar den Deutschunterricht reformieren helfen. Die Deutschdidaktik beginnt sich daher seit einiger Zeit als eingreifende Kulturwissenschaft zu verstehen. Daneben gibt es die verschiedensten öffentlich geführten Diskurse – etwa den der Politik, den des Feuilletons, den der Kunst- und Literaturschaffenden oder den des Wissenschaftsjournalismus. Je mehr sich Laien aber für Ergebnisse von Forschung interessieren (z.B. derzeit solche der Bildungsforschung), desto wichtiger werden Wissenschaftsjournalisten, die ihr Handwerk verstehen. Dass es daneben andere Forschungsansätze und Teilfächer der Germanistik gibt, die von Laien augenblicklich nicht wahrgenommen werden, kann man nicht ernsthaft gegen sie einwenden; es ist in keiner akademischen Disziplin anders.

    Nicht von der Hand zu weisen ist indessen etwas, was Frau Teutsch eher impressionistisch andeutet, was FachdidaktikerInnen aber ihrer germanistischen Mutterwissenschaft schon länger (und vor PISA unbemerkt von der sogenannten Öffentlichkeit) vorhalten: Wie eine kürzlich an der Universität Osnabrück eingereichte germanistische Dissertation von Jan Standke am Beispiel der Literaturwissenschaft materialreich nachweist, herrscht seit Jahrzehnten ein Neben- und Durcheinander von Theorien und aus ihnen abgeleiteten Begriffen, aus dem sich Standards für Lehre und Überprüfung (z.B. fachlicher Kompetenzen) nur schwer gewinnen lassen. Das Problem ist aber nicht, dass die Germanistik eine Disziplin mit “starkem Theoriebezug” (Teutsch) ist; keine akademische Disziplin wäre gut beraten, irgendetwas anderes zu sein. Das Problem ist vielmehr, dass Theoriebezüge immer wieder wechseln und damit wenig verbindlich sind. Das ist in der Tat ein dringliches Problem, aber das müssen GermanistInnen weder in noch mit der “Öffentlichkeit” diskutieren, sondern zunächst untereinander.

    Literatur

    • Abraham, Ulf / Kepser, Matthis: Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung. 3., durchges. u. erw. Aufl. Berlin 2009.
    • Abraham, Ulf: Geteilte Aufmerksamkeit für Literatur? “Literarische Kompetenz” als Fähigkeit kulturelle Praxis zu teilen. In: Hallet, Wolfgang (Hrsg.): Literatur- und kulturwissenschaftliche Hochschuldidaktik. Konzepte, Methoden, Lehrbeispiele. Trier 2013, S. 87-102.
    • Kepser, Matthis: Deutschdidaktik als eingreifende Kulturwissenschaft. Ein Positionierungsversuch im wissenschaftlichen Feld. In: Didaktik Deutsch 34 (2013), S. 52-68.
    • Standke, Jan: Resonanz und Krise der Theorie. Konzeptualisierungen in der deutschen Literaturwissenschaft, Würzburg 2014. (= überarb. u. erweiterte Dissertationsschrift)

    Websites der Autoren

  3. Anknüpfend an die Ausführungen von Ulf Abraham und Matthis Kepser möchte auch ich zunächst auf begriffliche Hürden eingehen, die im Zuge solcher Diskussionen wiederholt aufgestellt werden. Wenn man “Wissenschaft” und “Öffentlichkeit” lediglich als räumliches Gegensatzpaar versteht, als binäre Dimensionen, dann ergeben sich zwangsweise Probleme:

    1. Man erliegt damit der Versuchung eines althergebrachten, jedoch höchst problematischen Schwarz-Weiß-Denkens, welches den durchaus beobachtbaren Bemühungen, wissenschaftliche Erkenntnisse jenseits traditioneller Kanäle zu vermitteln, nicht gerecht wird. Die von Abraham und Kepser erwähnte Gruppe der Lehrer ist hierfür ebenso ein Beispiel wie die sehr erfolgreiche Bavaristische Ringvorlesung in München, im Rahmen derer fachlich gesichertes Wissen an ein – für ein solches Format ungewöhnlich großes – Laienpublikum weitergegeben wird. Dabei rekrutiert sich die Klientel zwar überwiegend aus dem Kreise gebildeterer Gesellschaftsschichten (weshalb auch sie das Panorama „der Öffentlichkeit“ kaum widerzuspiegeln vermag), doch wird die Veranstaltung keineswegs nur von Akademikern besucht. Innovative Projekte wie ARTigo (http://www.artigo.org/about.html), die einen Schritt weiter gehen und interessierte Laien spielerisch, aber zielgerichtet an der Erschließung wissenschaftlicher Datenbestände teilhaben lässt, sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Neben der Betrachtung solcher Einzelbeispiele ist es wichtig, die grundsätzlichen Entwicklungen vor allem im Bereich der digitalen Kommunikation anzuerkennen, die stetig voranschreiten und sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen werden. Daher wird man das alte Bild zweier hermetisch abgeriegelter Räume – “der Wissenschaft” und “der Öffentlichkeit” – im Sinne einer zeitgemäßen Diskussion verwerfen müssen. Es liefert nur unbefriedigende Antworten auf die Frage nach dem Wesen künftiger Kommunikation und ihrer Mechanismen.

    2. Hält man sich obige Feststellung vor Augen, erscheinen viele Streitpunkte hinsichtlich dessen, was “die Wissenschaft” “der Öffentlichkeit” bieten kann, als hinfällig, weil sie aus falsch gestellten Fragen hervorgehen. Es ist naheliegend, dass Historiker, Sprach- oder Literaturwissenschaftler ihre Theorien und Methoden fachintern diskutieren – dem Laien fehlen die Qualifikation und das nötige Vorwissen (sowie häufig das Interesse), um entsprechenden Debatten zu folgen. Solche grundsätzlich einleuchtenden Argumente werden allerdings immer wieder missbraucht, um eine künstliche Trennwand zwischen dem Forschungsbetrieb und allem, was außerhalb davon liegt, zu errichten – als würde andernfalls eine unkontrollierte Einbeziehung von Laien in den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern drohen. Manchmal scheint es, als diene der Verweis auf fachinterne Zuständigkeiten (und deren vermeintliche Bedrohung durch eine Öffnung der Geisteswissenschaften nach außen) als Totschlagargument, auf dessen Grundlage man sich ohne schlechtes Gewissen vom Rest der Gesellschaft abkapselt. Zu den Revierverteidigungsmaßnahmen gehört auch ein teilweise ins Absurde abdriftender Fachjargon. An dieser Stelle greife ich gern den Begriff der Antiöffentlichkeit auf, den Teutsch ins Feld geführt hat, und stimme dahingehend zu, dass eine solche mitunter gezielt aufgebaut wird.

    3. Man wird also die Existenz fachinterner Bereiche, die sich weitgehend dem Zugriff einer wie auch immer definierten “Öffentlichkeit” entziehen, nicht bestreiten wollen. Das entschuldigt aber noch lange nicht, dass die Form wissenschaftlicher Texte häufig in keinem Verhältnis zur Komplexität des jeweiligen Inhalts steht. Dabei wird jede Chance auf fachexterne Rezeption im Keim erstickt – von einer sprachlichen Hülle der Verklausulierung. Doch stellt dies keineswegs nur für Laien ein Problem dar: Wie oft quälen wir Wissenschaftler uns durch die schwer verständlichen Texte von Kollegen, nur um entnervt festzustellen, dass man deren Aussage genauso gut (und vielfach besser!) in einer weniger aufgeblähten Sprache verpacken könnte? Nun sind wir als Teil der Fachgemeinschaft mehr oder weniger gezwungen, diese Texte zu lesen, da wir in der Lage sein wollen, am laufenden Diskurs teilzuhaben. Für den Laien besteht jedoch kaum ein Anreiz, sich auf einen Schreibstil einzulassen, der als anstrengend empfunden wird. Beispiele dafür, welch unnötige Ausmaße ein solcher annehmen kann, habe ich bereits in einem früheren Beitrag (siehe http://rkb.hypotheses.org/209) thematisiert, mit Verweis auf das sehr empfehlenswerte Buch “Schreiben, Bloggen, Präsentieren. Wege der Wissenschaft in die Welt” (siehe http://schwafelkiller.com/) von Michael Sonnabend und Susanne Weiss. Dass die Rezeption wissenschaftlicher Forschung durch ein breites Laienpublikum durchaus gelingen kann, zeigt übrigens ein Blick ins Ausland: Britische Historiker wie Tom Holland oder Ian Kershaw feiern mit ihren Veröffentlichungen regelmäßig Publikumserfolge, weil es jenseits des Ärmelkanals nicht als unseriös gilt, Forschungsergebnisse in spannenden und vor allem verständlich geschriebenen Publikationen festzuhalten. Jeder noch so komplizierte Gedanke kann in einfache Worte gefasst werden. Dafür müssen Autoren eben auch gewillt sein, ein wenig Zeit zu investieren und auf das Statussymbol Wissenschaftssprache zu verzichten. Es ist natürlich immer reizvoll, einzelne Informationen in speziellen (aber oft nur vermeintlich eleganten) Begriffen zu einem “Bündel” zusammenzufassen. Dem interessierten Leser wird jedoch so der Zugang zum Text erschwert. In Großbritannien, wo das Phänomen des verklausulierten Schreibstils nicht so ausgeprägt ist, ist das anders: Hier werden Forscher gelesen und Interessierte nicht ausgeschlossen – insgesamt eine Win-win-Situation.

  4. Replik
    Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Kommentare sowie die konkreten Hinweise zu didaktischen Projekten. Ich gebe Herrn Oels besonders in einer Sache Recht. Es sind nicht in erster Linie die Umgangsformen und auch ein süffiger Stil sollte natürlich nicht zum Maßstab guter Wissenschaftsprosa erhoben werden. Die Frage ist aber, wie der Stil (jargonhaft, schlackenlos oder eben kraftvoll) am Ende eben doch etwas über das Verhältnis des Forschers zu seiner Lebenswirklichkeit verrät, kurz wie er den Gegenstand seiner Forschung durch sprachlichen Gebrauch in das verwandelt, was ihn zu einem zeitgenössischen Anliegen macht. Dass auf der genannten Berliner Tagung die Verwendung von Metaphern, die in diesem Fall zur distanzierten Beschreibung der akademischen Mentalitätsgeschichte der siebziger und achtziger Jahre beitrugen, in Frage gestellt wurde, führt zu einer wichtigen, meiner Ansicht nach maßgeblichen Diskussion: In welcher Sprache soll wer in den Geisteswissenschaften womit erreicht werden?

    Ich gebe Herrn Oels abermals recht. Die Diskussion wurde in Berlin zu schnell abgewürgt. Denn wenn sich die Debatte zwischen „alles ist erlaubt“ und einer regulierend eingreifenden „Stilpolizei“ abspielt, ist für die Relevanzfrage tatsächlich wenig gewonnen. Wie wir allerdings sprechen und schreiben, welches rhetorische Geschick wir dabei an den Tag legen, führt am Ende zu einem erkenntnisgeleiteten Aneignungsprozess. Der von Herrn Abraham und Kepser betonte Gegensatz zwischen einer Laien- und einer Spezialistenkultur ist symptomatisch für die deutsche Debatte. Als gäbe es nur das eine und das andere, nichts dazwischen, als sei stilistische Virtuosität automatisch das Gegenteil wissenschaftlicher Seriosität und als bedeutete Wissenschaftsprosa zwangsläufig, dass diese von Uneingeweihten nicht verstanden, erst recht nicht genossen werden könne – „als würde andernfalls eine unkontrollierte Einbeziehung von Laien in den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern drohen“, wie Christian Höschler schreibt. Nicht zuletzt die Arbeiten von Wissenschaftshistorikern haben gezeigt, dass es diese strikte Trennung von Wissenschafts- und Alltagssprache nicht gibt und nicht geben kann, wenn man davon ausgeht, dass die jeweiligen Diskurse sich ja in teilweise subversiver Weise aufeinander beziehen.

    Immer wieder wird angeführt, die Zeit der großen Erzählungen sei vorbei. Das bezieht sich auch auf die großen gesellschaftskritischen Würfe. Herrn Oels Beobachtung scheint mir deshalb korrekt: Der Versuch der eigenen Forschung Relevanz auch außerhalb der eigenen Fachgrenzen zu verleihen, wird oft aus schierer Resignation gar nicht mehr unternommen. Dass bei Konferenzen nur selten ernsthaft gestritten wird, könnte ein Symptom dieser fatalistischen Haltung sein. Davon abgesehen: Dass geisteswissenschaftliche Texte nur noch selten von einer interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden, ist keine reine Stilfrage. Sicher ist es aber eine Frage der Kühnheit der Thesen, die dort angeboten und zur Diskussion gestellt werden sollen.

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