Migration und Geschichtskultur – 40 Jahre Ford-Streik

 

Was wissen wir eigentlich über die Geschichtskultur von MigrantInnen? Welche historischen Inhalte erinnern sie in welcher Art und Weise? Welche generationellen Unterschiede kennzeichnen den Umgang mit historischen Ereignissen? Ein Blick auf die Veranstaltung „40 Jahre ‚Ford-Streik‘ in Köln – 1973 Ford grevi – kırk yıl sonra“ soll einige Hinweise darauf geben, wie türkische MigrantInnen mit „ihrer“ Geschichte als Teil der bundesrepublikanischen Geschichte umgehen. Ein wichtiger Eindruck war, dass es die Geschichtskultur der Migrantinnen nicht gibt, sondern zunächst mehrere geschichtskulturelle Umgangsweisen differenziert werden können. In diesem Sinne versteht sich dieser Blog auch als Aufruf an seine LeserInnen, weitere Beispiele für Geschichtskultur(en) von Migration zu kommunizieren.

 

Streik!

Im September 2013 fand in Köln-Kalk, einem Bezirk mit hohem Migrantenanteil an der Wohnbevölkerung, im dortigen Naturfreundehaus die zweitägige Veranstaltung „40 Jahre ‚Ford-Streik‘ in Köln – 1973 Ford grevi – kırk yıl sonra“ statt, an der viele Personen mit türkischem Migrationshintergrund als Mitgestalter und als Publikum partizipierten.  Worum ging es beim Ford-Streik? Am 24. August 1973 traten mehrere hundert Arbeiter bei Ford in Köln spontan in den Streik – die meisten davon waren Türken. Auslöser des Streiks waren die Kündigungen von 500 Kollegen, die verspätet aus dem Jahresurlaub zurückgekehrt waren – trotz der Vorlage von Attesten. Ziele des vier Tage andauernden Streiks, bei dem das Werk besetzt gehalten wurde, waren die Rücknahme der Kündigungen, sechs Wochen Urlaub am Stück sowie eine DM mehr Lohn pro Stunde, was dem Unterschied zur nächsten Tarifgruppe entsprach, in die die meisten deutschen Arbeiter eingeordnet waren. Am Streik hatten sich einige deutsche Kollegen beteiligt, die meisten aber hielten sich fern. Die Betriebsräte verhandelten mit der Werksleitung und versäumten die Kommunikation mit den Streikenden, die dann direkt verhandeln wollten. Die Werksleitung ließ den Streik mit einem Polizeieinsatz beenden.

Arbeitskampf oder Kulturangebot?

Was fällt bei einer Analyse der Erinnerungsveranstaltung unter der Perspektive Geschichtskultur auf? Zunächst einmal, dass diese Veranstaltung nicht von einer etablierten bundesrepublikanischen Geschichtsagentur, etwa einem Museum oder einer Hochschule veranstaltet wurde, sondern wie der Veranstaltungsflyer ankündigte von „KollegInnen von Ford, politische AktivistInnen von damals und heute“. Auf der Veranstaltung zeigten diese sich als ehemalige Beteiligte am Streik mit und ohne Migrationshintergrund und als junge politisch engagierte, eher linksgerichtete Studierende. Die ehemaligen Streikteilnehmer hatten sich teilweise schon früher als Zeitzeugen auf Veranstaltungen zur Verfügung gestellt (siehe Literaturhinweise). Die zweitägige Veranstaltung teilte sich in eine Abendveranstaltung, die auf das historische Ereignis bezogen war und einen darauf folgenden Veranstaltungstag, der neben einer inhaltlichen Ausweitung auf „Kämpfe in der europäischen Automobilindustrie“ unter Einbezug von aktiven ArbeiterInnen von z.B. Ford Genk (Belgien) auch einen gesellschaftlichen Ausklang bei Musik und Tanz bot. Im musikalischen Teil trat „Klaus der Geiger“ auf, der damals vor den Werktoren politische Lieder spielte. Hier fällt auf, dass es sich um ein „Gesamtangebot“ handelte, wobei das historische Kernthema sukzessive ausgeweitet, in einen aktuellen politischen Kontext gestellt, internationalisiert und mit emotionalen Zugängen versehen wurde. Meine Teilnahme beschränkte sich allerdings nur auf die Abendveranstaltung zum konkreten historischen Thema, so dass ich mich im Weiteren darauf beschränke.

Ford-Streik im Film

Der Ford-Streik wurde mithilfe eines Dokumentarfilms von 1982 in Etappen nachvollzogen. Deutsche Streikbeteiligte, die damals aus einem studentischen intellektuell linksgerichteten Milieu stammten, erzählten über die Ereignisse, stellten die Rolle des türkischen Streikführers, die Solidarität bei der Besetzung der Werkstore (sie wurden nach türkischen Städten benannt!) und das eine Community formende Streikleben mit Liedern und Tanz heraus. Ein türkischer ehemaliger Sozialarbeiter erzählte über die Lebensbedingungen der „Gastarbeiter“ in den Wohnheimen, ihre Sehnsucht nach dem Sommeraufenthalt bei ihren Familien sowie politisierte und weniger politisierte Arbeiter. Ein türkischer Streikbeteiligter sprach auf Türkisch ein eher allgemeines Statement, das auf Deutsch übersetzt wurde. Das den Raum gut füllende weibliche und männliche Publikum bestand aus sehr unterschiedlichen Generationen von Migranten und Nicht-Migranten. Durch die Einteilung der Ereignisse in überschaubare Phasen und die Ergänzung durch Zeitzeugenerzählungen, die teilweise sehr persönlich gefärbt waren, konnte der Veranstaltung gut gefolgt werden. Es kann also durchaus von einer didaktischen Aufbereitung für ein heterogenes Publikum, auch ein solches mit Verständnisschwierigkeiten in der deutschen und türkischen Sprache angesehen werden. Unter dem Publikum fielen junge Journalistinnen mit türkischem Migrationshintergrund auf, die für deutsche, aber auch vermutlich türkische oder Migrantensender in der Pause im Publikum sitzende Personen vor den im Raum präsentierten Streikfotos des Künstlers Gernot Huber interviewten.

Kommunikation in der Enkelgeneration

Die Enkelgeneration setzte hier ihr Sprachkenntnisse und ihre Partizipationsmöglichkeiten ein, um die Erinnerungen der ersten Generation zu kommunizieren. Die aufgebauten Stände verköstigten das Publikum mit türkischen Speisen, die politischen Auslagen auf deutsch und türkisch verwiesen auf linke Gruppierungen oder solche aus dem Gewerkschaftsumfeld. Bei der Rezeption im WDR1 zielte der engagierte autochthone Journalist auf die Interpretation des Streiks als Beginn der türkischen Community in Köln und auf die am peripheren Standort gezeigte Fotoausstellung, die die ignorante Geschichtspolitik der Stadt veranschauliche. Die Veranstaltung selbst wurde nicht erwähnt. Dass diese beschriebene Veranstaltung nur eine Form des geschichtskulturellen Umgangs von Migranten mit dem Ford-Streik war, zeigt die Veröffentlichung des von vielen Migrantinnen und Migranten getragenen Vereins “DOMiD/Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland”, die auf Deutsch den Streik historisch aufarbeitet und für ein größeres Publikum aufbereitet. Zusätzlich nutzte DOMiD die Social Media, um eine Woche lang täglich auf Facebook an den Streik zu erinnern. Gerade die unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Streik und das lebhafte Interesse an dem Jubiläumsdatum zeigen, dass dieser ein wichtiger Baustein in der Erinnerung der türkischen Migrantencommunity Kölns ist, der über die Generationen hinweg tradiert wird. Ich wünsche mir lebhafte Rückmeldungen mit vielen weiteren Beispielen und Analysen von Geschichtskultur(en) von MigrantInnen!

 

Literatur

  • Huwer, Jörg: „Gastarbeiter“ im Streik. Die Arbeitsniederlegung bei Ford Köln im August 1973, Köln 2013.
  • Motte, Jan / Ohliger, Rainer (Hrsg.): Geschichte und Gedächtnis der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004.
  • Oswalt, Vadim / Pandel, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichtskultur. Die Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart, Schwalbach/Ts. 2009.

Externe Links

 

Abbildungsnachweis
Freundlicher Dank gilt dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., das der Abbildung des dort herausgegebenen Bandes gerne zustimmte. http://www.migrationsmuseum.de/de/domid

Empfohlene Zitierweise
Alavi, Bettina: Migration und Geschichtskultur – 40 Jahre Ford-Streik. In: Public History Weekly 1 (2013) 10, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-608.

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  1. http://www.wdr5.de/sendungen/scala/s/d/01.10.2013-12.05/b/der-streik.html

Categories: 1 (2013) 10
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-608

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3 replies »

  1. Liebe Frau Alavi,

    Sie steigen mit einer interessanten – weil bis dato wenig beachteten – Frage in Ihren Artikel ein: “Was wissen wir über die Erinnerungskultur von MigrantInnen?” Als Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) ist die Erinnerungskultur in Deutschland eine unserer Kernfragen. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen können wir uns Ihrem Fazit anschließen: ‘Die’ Geschichtskultur ‘der’ MigrantInnen gibt es genauso wenig, wie ‘eine’ Geschichtskultur ‘der’ deutschen Gesellschaft.

    Als vier Migranten 1990 DOMiD gründeten, um die Geschichte der ‘Gastarbeiter’ zu bewahren, taten sie dies vor dem Hintergrund einer ausländerfeindlichen Grundstimmung in der Gesellschaft. Die ‘Gastarbeiter’ waren längst in Deutschland angekommen und wollten bleiben, doch die Bundesrepublik akzeptierte sie nicht als Teil der gesellschaftlichen Realität. Diese Haltung haben demografische und soziale Entwicklungen geändert. Deutschland sieht sich offiziell als Einwanderungsland. Das ermöglicht neue Wege einer gemeinsamen Erinnerungskultur. Erste Nachbarschaftsmuseen gehen diesen Weg (Museum Neukölln, Kreuzberg Museum).

    Erinnerungskultur der Migrationsgesellschaft
    Ziel sollte es sein, eine gemeinsame Erinnerungskultur der Einwanderungsgesellschaft zu etablieren, die auf der Wahrnehmung von kultureller Vielfalt beruht. Diese muss den nationalen Bezugsrahmen mit Sicherheit verlassen bzw. diesen transnational/transkulturell erweitern und Dichotome “Die und Wir”-Strukturen überwinden.

    Dies erfordert Anstrengungen von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren. Das bezieht sich zum einen auf die deutsche Politik und Verwaltung. Sie müssen stärker noch als bisher Diversität akzeptieren und diese strukturell umsetzen. Zudem sollte die geänderte Perspektive einer gemeinsamen Identität jenseits des Nationalstaates möglichst früh Eingang in die Schulkurrikula finden. Zum anderen sind aber auch die Migrantencommunities gefordert. Sie könnten insbesondere Ausstellungen/Veranstaltungen, die bis dato von einer Community über ihre eigene Erfahrungen gemacht werden, perspektivisch erweitern. Innerhalb eines Migrationstypus (z.B. Arbeitsmigration, Asyl, Wissenschaftsmobilität) bestehen, bei allen Spezifika der einzelnen Gruppen, verbindende Erfahrungen im Migrationsprozess. Das heißt, die Erfahrung der einzelnen Gruppe könnte als Teil im größeren Kontext der Entwicklung der heutigen Migrationsgesellschaft betrachtet werden.

    Die Veranstaltungen rund um den Ford-Streik haben gezeigt, dass dies funktionieren kann. Die Organisation der Veranstaltung im Naturfreundehaus trugen “ehemalige Beteiligte am Streik mit und ohne Migrationshintergrund” und mit einer gemeinsamen Perspektive. Die Besucher rekrutierten sich aus “unterschiedlichen Generationen von Migranten und Nicht-Migranten”.

    Einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Herausforderung, unterschiedliche Geschichtsbilder einander anzunähern und damit die Realität der Einwanderungsgesellschaft zu spiegeln, bietet – und dies ist ein Ziel von DOMiD – der Aufbau eines zentralen Museums über die Einwanderung nach Deutschland. Wichtig wäre die Einbettung möglichst vieler unterschiedlicher Gruppen und Perspektiven. Einen Schlüssel hierzu bieten neue partizipative Möglichkeiten im online- und offline-Bereich.

    Ich hoffe, damit ein wenig Input in die Diskussion gegeben zu haben und freue mich auf weitere Reaktionen.

  2. Die von Bettina Alavi aufgezeigten Initiativen der Enkelgeneration und des DOMiD sind schöne Beispiele dafür, wie die Geschichte der Einwanderung in die alte Bundesrepublik nach 1945 von MigrantInnen und deren Nachfolgegenerationen erzählt wird und Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis verschiedener Zuwanderergruppen einen zentralen Platz haben, von jenen erzählt und gesellschaftlich erinnert werden, für deren kollektive Identität als Zuwanderer in einem fremden Land dies zentrale identitätsstiftende historische Ereignisse waren. Der „Fordstreik“ 1973 in Köln war und ist für die ehemaligen „GastarbeiterInnen“ und deren Kinder ein solches zentrales identitätsstiftendes historisches Ereignis gewesen, dessen sie auch 2013 gedenken wollen und dazu auch das geschichtspolitische Potenzial des Social Web nutzen.

    Leider ist dies immer noch ein Einzelbeispiel. Schaut man in die historischen Publikationen, Sammelbände und Ausstellungen, so wird die Geschichte der Migration in die alte Bundesrepublik zwar mittlerweile erzählt und erforscht, häufig jedoch nicht von jenen, deren Geschichte es ist. MigrantInnen werden zwar als ZeitzeugInnen und ErinnerungsträgerInnen herangezogen, sind aber häufig nicht Teil von zentralen historischen Konstruktionsprozessen, da sie beispielsweise zu wenig für die Konzeption von Ausstellungen herangezogen werden. Sicherlich ist die etische, geschichtswissenschaftliche außenperspektive im akademischen Diskurs wertvoll, doch wenn es um zentrale Erinnerungsdiskurse geht, so ist es doch sicherlich wünschenswert, dass diese von integralen Kräften dominiert und gestaltet und nicht von außen geschichtspolitisch dominiert werden.

    Die indisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak hatte in ihrem für die postkoloniale Theoriebildung zentralen Aufsatz die folgende Frage gestellt: „Can the Subaltern Speak?“. Sie kam zu dem Schluss, dass marginalisierte Gruppen innerhalb von politischen und sozialen Machtdiskursen keine Stimme haben. Sicherlich würde es zu weit gehen, Migrationsgruppen wie ehemalige „GastarbeiterInnen“ als in der heutigen Bundesrepublik marginalisierte Gruppen zu bezeichnen. Wenn es aber um die Frage nach Erinnerungskulturen in Bezug auf Deutschland als Einwanderungsland geht, so werden die zentralen Geschichtsnarrative häufig nicht in ausreichendem Maße von MigrantInnen geprägt, auch wenn in den letzten Jahren diesbezüglich eine positive Tendenz zu erkennen ist, wie auch der gute Beitrag von Bettina Alavi zeigt.

    Weitere Gegenbeispiele für die eben aufgezeigten Erinnerungsmechanismen finden sich häufig im Onlinemagazin MiGAZIN, das von Personen mit Migrationshintergrund redaktionell betreut wird. Als ein Beispiel kann der letzte Woche erschienene Artikel über den „Nürnberger Ausländerbeirat“ dienen, der dessen Geschichte aus einer emischen Perspektive erzählt und so ein kleiner Beitrag zu einer integrativen Geschichtskultur ist, in der Zuwanderer und deren identitätsstiftende Geschichten nicht nur zu einem zentralen Bestandteil einer Geschichte der Bundesrepublik werden, sondern Personen mit Migrationshintergrund auch durch ihre personelle Anwesenheit an geschichtspolitisch zentralen gesellschaftlichen Stellen Erinnerungsdiskurse initiieren und entscheidend prägen. Einige sehr gute Vorschläge, wie dies in Zukunft noch besser gelingen kann, hat ja bereits Robert Fuchs vor mir gemacht, dem ich hiermit auch voll und ganz zustimme.

    • Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? in: Nelson Cary / Grossberg, Lawrence (Hrsg.): Marxism and the Interpretation of Culture. Chicago 1988. S. 271-313.
    • Suzan, Gülseren / Menzel, Jochen: Von den Anfängen des Nürnberger Ausländerbeirats. in: MiGAZIN vom 31. Oktober 2013. URL: http://www.migazin.de/2013/10/31/von-anfaengen-nuernberger-auslaenderbeirats/ (Zugriff am 7.11.2013).
  3. Replik
    Herzlichen Dank für die beiden relevant weiterführenden Kommentare zur zentralen Frage meines BlogJournal-Beitrags, was wir eigentlich über die Geschichtskultur der Migrantinnen und Migranten wissen. Roland Fuchs verwies auf die Geschichte des Vereins DOMiD, der 1990 (als DOMiT) von vier Migranten gegründet wurde und von dem ein wichtiger Impuls für die Auseinandersetzung mit der Migration der „Gastarbeiter“ aus emischer Sicht ausging, nämlich die Ausstellung „Fremde Heimat – Yaban, Sılan olur“ , die 1998 im Ruhrlandmuseum (heute: Ruhr Museum) in Essen stattfand. Für diese Ausstellung kooperierten diese Migrantenorganisation und das Ruhrlandmuseum gleichberechtigt miteinander (http://www.domit.de/de/ausstellung/fremde-heimat-%E2%80%93-yaban-s%C4%B1lan-olur). Hannes Burkhardt verweist auf das Onlinemagazin MiGAZIN, in dem die emische Perspektive auf historische Ereignisse (Beispiel: Nürnberger Ausländerbeirat) häufiger zu finden ist. Gleichzeitig weist er zu Recht darauf hin, dass diese Innensicht aus der Perspektive der Migranten heute immer noch unterrepräsentiert ist und die Außensicht auf die Geschichte der Migration und der Einwanderungsgesellschaft durch die Autochthonen noch bei weitem überwiegt.

    Um dieses (Miss-) Verhältnis zu ändern, sollten mehrere bereits stattfindende Entwicklungen unterstützt werden: Personen mit Migrationshintergrund aus den Folgegenerationen sollten ermutigt werden, sich als Scharnier hin zu den Erinnerungen und Geschichtsnarrativen der Migranten der 1. Stunde zu verstehen. Ihr Familienbezug und ihre teilweise vorhandenen Sprachkenntnisse sowie ihre interkulturellen Kompetenzen sind wichtige Komponenten, um die Geschichte dieser 1. Generation aus deren Sicht zu kommunizieren. Dass dies bereits stattfindet, konnte an den Journalist/innen gezeigt werden, die die Veranstaltung „40 Jahre Ford-Streik in Köln“ medial verbreiteten. Gleiches gilt auch für den Bereich der historischen Bildung, wo sich Schüler/innen einbringen können in die Erforschung der Geschichte der Migration vor Ort und in ihrer Familie.

    Weiterhin sollte die Besetzung der Beiräte, Beratungsgremien und Institutionen in der Bundesrepublik der Realität der Diversität gerecht werden und diese als „politisch korrekten“ Normalfall widerspiegeln. Gute Ansätze dazu gibt es bereits, beispielsweise in der Zusammensetzung der Beratungsrunden bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“. Gerade diese diversitätssensible Konstellation kann das anbahnen, was Roland Fuchs für eine gemeinsame Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft anmahnt, nämlich die Geschichte der einzelnen Migrantengruppen in der Entwicklung zur heutigen Migrationsgesellschaft zu kontextualisieren und dadurch die Dichotomie „Wir“ und die „anderen“ zu überwinden und den nationalen Bezugsrahmen transkulturell zu erweitern.

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