Scheinpluralismus. Oder: Wie ich mir einen Schulbuchbeitrag bastle

Abb.: L. G. Illingworth, Daily Mail, 29. Oktober 1962, keine Bildunterschrift

 

Das Herzstück deutscher Bildungspolitik ist der Pluralismus. Für das Fach Geschichte gibt es deshalb nicht ein Schulbuch, sondern 41.1 Ideale Voraussetzung für geschichtsdidaktische Prinzipien wie Multiperspektivität – sollte man meinen. Doch weit gefehlt: bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Vielfalt als Scheinpluralismus.

 

Kuba-Krise oder Cuba Libre?

Es werden in den Büchern nicht nur die immer gleichen Bild- und Textquellen benutzt, sondern die Autorentexte folgen zumeist ein und demselben Narrativ, das im Grunde als „Meistererzählung“ charakterisiert werden kann. Die 60er Jahre feiern fröhliche Urständ. Ich will das an einem Beispiel zur Kuba-Krise erläutern. Bei einer Durchsicht der entsprechenden Schulbücher für beide Sekundarstufen des Landes Nordrhein-Westfalen sieht man, dass das Thema „Kuba-Krise“ üblicherweise in das Kapitel zum „Kalten Krieg“ eingegliedert wird und auf einer Schulbuchdoppelseite einen wenig komplexen Autorentext bietet, der die Kuba-Krise als Höhe- und Wendepunkt des Kalten Krieges verständlich macht. Die Auswahl der schriftlichen Quellen lässt sich fast ausschließlich auf die Fernsehansprache Kennedys und den Schriftwechsel zwischen Chruschtschow und Kennedy eingrenzen. Weiterhin befinden sich in fast allen Schulbüchern eine Karikatur mit Chruschtschow und Kennedy und eine Karte, welche die Reichweite der sowjetischen Raketen auf Kuba zeigt. In neueren Werken hat der Aspekt der Geschichtskultur über den Spielfilm „Thirteen Days“ (USA, 2000) Eingang in die Schulbuchkapitel gefunden.

Kennedys Heldenverehrung

Was machen die SchulbuchautorInnen aus diesen Zutaten? Sie verzichten auf die Vorgeschichte der sowjetischen Raketenstationierung und erzählen, wie Kennedy die Welt rettete. Kein Wort über den kubanischen Diktator Batista und seine Unterstützung durch die USA. Kein Wort über die kubanische Revolution und den folgenden Wirtschaftsboykott der Insel durch die USA. Keine Erwähnung der von der CIA gedeckten Invasion der Insel durch Exilkubaner in der Schweinebucht im Jahr 1961. Und – schlimmer noch – kein Wort über die bereits seit 1959 beginnende Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Italien und in der Türkei, die Moskau locker erreichen konnten. Die Sowjetunion wird so zum unprovozierten Eindringling in den Vorgarten der USA, den Präsident Kennedy in einem wahren Heldenstück verteidigt und gleich die Demokratie und die westliche Welt mitrettet. Man muss die Politik von Fidel Castro – der übrigens in den Texten auch meistens nicht vorkommt – und des sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschow nicht bejubeln. Aber man kann versuchen, deren Intentionen und Handlungsoptionen zu verstehen. Stattdessen liefern die Bücher das Kalte-Krieg-Narrativ von den guten Amerikanern und den bösen Sowjets.

Quelle – passend gemacht

Die Quellen werden dazu passend gemacht: Kennedy siegt nach Punkten. Die Karikatur von Chruschtschow und Kennedy wird ausschließlich nach einem SPIEGEL-Artikel vom 7. November 1962 mit der Bildunterschrift „Einverstanden, Herr Präsident, wir wollen verhandeln …“, zitiert.2 Die Karikatur ist aber bereits am 29. Oktober 1962 in der englischen Tageszeitung Daily Mail erschienen, und zwar ohne Bildunterschrift.3 Chruschtschow hatte am 28. Oktober die amerikanischen Bedingungen zum Raketenabzug aus Kuba akzeptiert. Darauf nimmt die Karikatur Bezug, indem der Autor vielleicht sagen will, dass trotz des scheinbaren Endes der Kuba-Krise die nukleare Bedrohung andauern werde und die Möglichkeit der Vernichtung der Menschheit keineswegs ausgeschlossen sei.4 Die Bildunterschrift des SPIEGEL wird aber in den meisten Schulbüchern als „Originaluntertitel“ bezeichnet – weil das so gut zum Text über die Dramatik der Kuba-Krise passt! Das Ringen der beiden Kontrahenten auf der Karikatur wird in die „Thirteen Days“ (14.-28.10.1962) zurückverlegt. Hier findet nicht historische Rekonstruktion statt, sondern erinnerungskulturelle Remediation.

Wir wollen hören, was wir wissen

Bleibt die Frage: Warum ist das so? Oft wird behauptet, Schulbücher werden aus Schulbüchern abgeschrieben, die eine Geschichte wird perpetuiert. Das mag sein. Mir scheint aber eher, dass die Autorentexte ein geschichtspolitisch und erinnerungskulturell erwünschtes Narrativ produzieren, das von Politik, Gesellschaft und Verlagen getragen wird. Wahrscheinlich ist es genau diese Konstellation, der es bei Geschichte auf Genauigkeit und wissenschaftliche Redlichkeit nicht wirklich ankommt. Wir wissen ja schon aus dem Museum, dass sich die BesucherInnen gerne das bestätigen lassen, was sie ohnehin schon wissen. Das dürfte bei Schulbüchern nicht ganz anders sein.

 

 

Literatur

  • Greiner, Bernd: Die Kuba-Krise. Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg, München 2010.
  • Frankel, Max: High Noon in the Cold War. Kennedy, Khrushchev, and the Cuban Missile Crisis,
    New York 2004.
  • Kaufmann, Günter: Neue Bücher – alte Fehler. Zur Bildpräsentation in Schulgeschichtsbüchern.
    In: GWU 51 (2000), S. 68-87.
  • Schnakenberg, Ulrich: Die Karikatur im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2012.

 

Abbildungsnachweis
(c) L. G. Illingworth, Daily Mail v. 29. Oktober 1962, keine Bildunterschrift.

Empfohlene Zitierweise
Bernhardt, Markus: Scheinpluralismus. Oder: Wie ich mir einen Schulbuchbeitrag bastle. In: Public History Weekly 1 (2013) 1, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-138.

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  1. Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (Hrsg.): Verzeichnis der zugelassenen Schulbücher für die Fächer Geographie, Geschichte, Sozialkunde (Politik) in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland. Ausgabe 2009/2010. Online im Internet: URL: http://www.gei.de/fileadmin/bilder/pdf/Publikationen/GEI-Publikationen/Synopse_2010.pdf  (Stand: 12.8.2013) Für das Jahr 2009 wurden 41 Geschichtsschulbücher ausgewiesen, die in den verschiedenen Bundesländern und Schulstufen zugelassen waren, ohne Atlanten, Kompendien und Themenhefte.
  2. Vgl. das PDF aus dem Spiegel-Archiv: http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=45124537&aref=image035/0552/cqsp196245100-P2P-102.pdf&thumb=false. Zu sehen ist dies zum Beispiel auf einem Arbeitsblatt des Cornelsen-Verlags.
  3. British Cartoon Archive, University of Kent, No. IL0120, verfügbar unter: http://www.cartoons.ac.uk/record/IL0120
  4. Holden, Charles: Cold War Wrestling Match, 2011, verfügbar unter http://teachinghistory.org/history-content/ask-a-historian/24459

Categories: 1 (2013) 1
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-138

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  1. Es wurde wieder einmal Zeit: In regelmäßigen Abständen gibt es eine Schulbuchschelte, die mal unter dem Deckmantel eines objektiven Testberichts, als handle es sich um Staubsauger, die schlechte Qualität der Lehrwerke insgesamt beklagt (http://www.test.de/Schulbuecher-Schlechtes-Zeugnis-1577822-0/), die mal die vermeintlich einseitig Parteinahme gegen Israel im Nahostkonflikt anprangert (http://www.welt.de/politik/ausland/article13622186/Deutsche-Schulbuecher-erklaeren-Israelis-zu-Taetern.html) oder die nun den „Scheinpluralismus“ geißelt, der darauf hinauslaufe, Kennedys Politik in der Kuba-Krise als „Heldenstück“ zu verklären und die Stereotypen des Kalten Krieges zu reaktivieren. Doch macht es sich Markus Bernhardt, fürchte ich, zu leicht.

    Zum einen beschränkt er sich bei seiner Analyse auf die Schulbücher aus Nordrhein-Westfalen, ohne sie einzeln aufzuführen. Eine so pauschale Verurteilung vermeintlich aller Schulgeschichtsbücher bedürfte eines genaueren Nachweises.

    Zum anderen werden die spezifischen Produktionsbedingungen von Schulbüchern – und das ist ein Grundproblem jeglicher Schulbuchkritik – nicht hinlänglich bedacht. Die Lehrwerke werden wie wissenschaftliche Sachbücher seziert, ohne zu berücksichtigen, dass es Lehrplanvorgaben, einen verschlungenen Entstehungsprozess und ein Genehmigungsverfahren gibt, die mitunter – das sei zugestanden – unbefriedigende Ergebnisse zeitigen. Vor allem hat ein Schulbuch eine Vielfalt an Ansprüchen zu befriedigen: fachliche Korrektheit, allgemeine Verständlichkeit, ansprechender Stil, interessante Materialien, attraktive Aufgabenstellungen, Methodenschulung, Kompetenzförderung … – und das alles auf beschränktem Raum – nicht zuletzt, damit die Schultaschen nicht zu schwer werden.

    Doch zum konkreten Vorwurf: Ich greife ein Werk heraus, das Markus Bernhardt auch in der Hand gehalten haben sollte: Horizonte 3 Geschichte Gymnasium Nordrhein-Westfalen. Zugegeben: Als Mitautor und Mitherausgeber von Schulbüchern spreche ich pro domo; und es ist nur ein Buch, aber wenn man nachweisen kann, dass es einen schwarzen Schwan gibt, ist die Behauptung, alle Schwäne seien weiß, widerlegt.

    Auf insgesamt sechs Seiten – davon drei Darstellungsseiten – wird die „Kuba-Krise und der Vietnamkrieg“ – so die Kapitelüberschrift – dargestellt. Im vorliegenden Fall entfällt eine halbe Seite auf die Kuba-Krise selbst und noch einmal eine halbe Seite auf die unmittelbaren Folgen. Materialien zur Kuba-Krise finden sich keine, da der Schwerpunkt einerseits auf die Breschnew-Doktrin und andererseits auf den Vietnamkrieg gelegt wurde. Dies mag unbefriedigend sein – und ist es auch -, aber es ist dem Lehrplan geschuldet, der in einem Schuljahr das kurze, aber überaus ereignisreiche 20. Jahrhundert abgehandelt wissen will. Da bleibt bei 280 Seiten für die Kuba-Krise in der Tat nicht viel Platz.

    Das entkräftet noch nicht die inhaltliche Kritik. Bernhardt behauptet ja, die Schulbuchautoren „verzichten auf die Vorgeschichte der sowjetischen Raketenstationierung und erzählen, wie Kennedy die Welt rettete. Kein Wort über den kubanischen Diktator Batista und seine Unterstützung durch die USA. Kein Wort über die kubanische Revolution und den folgenden Wirtschaftsboykott der Insel durch die USA. Keine Erwähnung der von der CIA gedeckten Invasion der Insel durch Exilkubaner in der Schweinebucht im Jahr 1961.“

    In Horizonte 3 heißt es hingegen: „Vorangegangen war 1959 der Sturz des kubanischen Diktators Batista durch den Revolutionär Fidel Castro, der auf Kuba ein sozialistisches Regime errichtete. Das war den USA […] ein Dorn im Auge und sie versuchten, Fidel Castro und sein Regime zu stürzen.“ Wirklich kein Wort von der Vorgeschichte? Wirklich eine Erzählung, „wie Kennedy die Welt rettete“?

    Und weiter in der Schelte Bernhardts: „Und – schlimmer noch – kein Wort über die bereits seit 1959 beginnende Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Italien und in der Türkei, die Moskau locker erreichen konnten. Die Sowjetunion wird so zum unprovozierten Eindringling in den Vorgarten der USA, den Präsident Kennedy in einem wahren Heldenstück verteidigt und gleich die Demokratie und die westliche Welt mitrettet. Man muss die Politik von Fidel Castro – der übrigens in den Texten auch meistens nicht vorkommt – und des sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschow nicht bejubeln. Aber man kann versuchen, deren Intentionen und Handlungsoptionen zu verstehen. Stattdessen liefern die Bücher das Kalte-Krieg-Narrativ von den guten Amerikanern und den bösen Sowjets.“
    Der Schulbuchtext zum Vergleich: „Als die USA die sowjetischen Raketenbasen auf Luftbildaufnahmen entdeckten, versetzte Präsident John F. Kennedy die Streitkräfte in Alarmbereitschaft und forderte die Sowjetunion ultimativ auf zum Abbau ihrer Raketenstellungen auf . Zugleich verhängten die USA eine Seeblockade, um den russischen Nachschub zu stoppen. Planungen der US-Regierung sahen die Bombardierung und Invasion Kubas vor, was wohl einen Atomkrieg ausgelöst hätte. Lediglich das Nachgeben Chruschtschows und das Zugeständnis der USA, Atomraketen in der Türkei abzubauen, verhinderten einen dritten Weltkrieg.“ Erscheint Kennedys Politik hier wirklich als „Heldenstück? Geht es wirklich nur um „gute Amerikaner“ und „böse Sowjets“? Oder ist nicht das Bemühen um ein ausgewogenes Urteil zu erkennen?

    Unbestritten: Über die vorliegende Schulbuchdarstellung – den Umfang, den Zuschnitt, die Wertungen, einzelne Formulierungen – lässt sich wie immer trefflich streiten, aber die Vorwürfe „Scheinpluralismus“, „fehlende Genauigkeit“ und mangelnde „wissenschaftliche Redlichkeit“ sind zumindest im angeführten Beispiel schlicht unzutreffend.

  2. Mir ging es in meiner Kritik nicht um eine wenig reflektierte Schulbuchschelte, ohne die Produktionsbedingungen von Schulbüchern zu beachten, wie Ulrich Baumgärtner unterstellt, sondern darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Schulbuchautoren in vielen Fällen sehr leichtfertig mit diesen in der Tat schwierigen Produktionsbedingungen umgehen. Was hindert Autoren zum Beispiel daran, beim Abdruck von Bildern nach deren Ursprungskontexten zu suchen, statt Bilder, Karikaturen und deren Kontexte aus anderen Schulbüchern zu übernehmen? Das kann ja keine Frage des mangelnden Platzes sein. Ähnliches gilt für schriftliche Quellen, die sich durch die dauernde Kopiererei von ihrem Ursprungstext oft weit entfernt haben, ohne dass mit einem Blick in entsprechende wissenschaftliche Editionen korrigiert wird. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, wo sauber gearbeitet wird. Darüber freue ich mich. Aber grundsätzlich bleibe ich bei meiner Behauptung, dass es viele Schulbücher mit Genauigkeit nicht sonderlich Ernst nehmen.
    Nun zur Kuba-Krise in Horizonte 3. Die eben kritisierten Dinge zu Karikaturen und schriftlichen Quellen treffen auf das Buch nicht zu, weil es diese Elemente nicht enthält. Stattdessen werden ein Autorentext und eine Karte präsentiert. Der Autorentext erwähnt in der Tat einige der von mir pauschal kritisierten Defizite und hebt sich damit positiv von anderen ab. Auch das Bemühen um eine ausgewogene Darstellung gestehe ich den Autoren umstandslos zu, auch wenn man, wie Ulrich Baumgärtner selbst schreibt, über Details des Textes “trefflich streiten” kann. Denn es treffen bereits bei der abgedruckten Karte meine Monita wieder zu. Man mag das für kleinlich halten, aber wäre es nicht wichtig zu wissen, dass diese Karte auf einer fast identischen Abbildung des SPIEGELS (Nr. 44 v. 31.10.1962, S. 102) beruht, aber einige Beschriftungen geändert wurden? Z. B. heißt es in Horizonte “Nachschubweg aus der UdSSR” im Original “Nachschub des Ostens für Kuba”. Man wird jetzt sagen, dass sei doch nur eine Illustration. Das mag sein, aber ist das nicht doch ein kleines bisschen unredlich, Karten ohne solche Herkunftsnachweise abzudrucken? Oder wenn man auf dem Illustrationsargument besteht, wäre es dann nicht um der Sache willen angebracht, eine weitere Karte mit der entsprechenden Reichweite der amerikanischen Raketen in der Türkei hinzuzufügen (http://www.oliver-bieri.ch/kalter-krieg/kk/images/einsatzradien2.GIF), um den Schülerinnen und Schülern eine multiperspektivische Einordnung der politischen Lage zu ermöglichen?
    Ich bleibe dabei, bei der Optimierung von Schulbüchern ist noch Luft nach oben.

  3. Markus Bernhardt schreibt am Ende seiner Erwiderung, die einige notwendige Klarstellungen und bedenkswerte Ergänzungen enthält: “Ich bleibe dabei, bei der Optimierung von Schulbüchern ist noch Luft nach oben.” Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen

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