Remembering in Dresden 2017

Erinnern in Dresden 2017




Dresden, so scheint es auf den ersten Blick, hat seit jeher ein problematisches Verhältnis zum 13. Februar, dem Tag, an dem 1945 alliierte Bomber einen Großteil der Innenstadt zerstörten. Die Bombardierungen wurden noch während des Krieges propagandistisch als die barbarische Zerstörung einer “unschuldigen Stadt“ gedeutet und bestimmt bis heute einen Großteil der Erinnerungen an 1945. Das “Monument“ des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni sprengt die Dresdner Komfortzone des Erinnerns 2017.

Der “Mythos Dresden” ist nichts Besonderes

Dass solche Luftkriegserinnerungen erstaunlich stabil, veränderungsresistent und oftmals geradezu losgelöst von den nationalen Erinnerungsdiskursen bestehen und gepflegt werden, ist keine Besonderheit eines Dresdner oder gar sächsischen Habitus, wie er in Zeiten von PEGIDA gerne und schnell attestiert wird. Ganz im Gegenteil haben u.a. Arnold Jörg, Dietmar Süss und Malte Thießen[1] herausgearbeitet, dass sie in vielen europäischen Großstädten zu finden sind, die bombardiert wurden.

Dabei entstanden keine homogenen europäischen Erinnerungsorte, sondern vielmehr eine Art von Solidargemeinschaften der durch die Luftkriege zerstörten Städte, die sich oft unabhängig von ihrer Nationalität als internationale Mahnstätten verstanden. Coventry, Rotterdam und Warschau wurden bereits während des Krieges von der internationalen Gemeinschaft in einem solchen Opfer-Kontext genannt. Im Rahmen von Städtepartnerschaftsbewegungen seit den 1950er Jahren vollzog sich aber auch eine Integration der west- und ostdeutschen betroffenen Städte in diese inter- und transnationalen Erinnerungsmuster.[2]

In diesem Kontext ist der “Mythos Dresden“ ist also nichts Besonderes. Spezifisch ist aber sehr wohl seine starke und anhaltende Vereinnahmung von konservativen bis hin zu rechten und rechtsradikalen Strömungen und die lange Stille der kommunalen Regierungen, um den Mißbräuchen und Mißdeutungen der Geschichte hier wirksam entgegegenzutreten. Das zeigen vor allem der Streit um die Opferzahlen dieses Angriffes und die Frage, ob tieffliegende alliierte Flugzeuge die Bevölkerung beschossen haben.[3]

Ein neuer Blick

Im Jahr 2017 ist nun sehr deutlich eine weit über die Grenzen Deutschlands wahrgenommene Veränderung erkennbar. Die Reaktionen auf das am 8. Februar eingeweihte “Monument“ von Manaf Halbouni zeigen nicht nur die “hässliche Seite“ des Kampfes um die Erinnnerung (die ZEIT titelte “Tumultartige Trauerarbeit“[4]), sondern die vielfältigen Interpretationen der BürgerInnen Dresdens des eigenen Verhältnisses zu diesem historischen Ereignis. Die künstlerische Installation vor der berühmten Frauenkirche, die aus drei vertikal aufgerichtete eng beieinanderstehenden Bussen besteht, bricht wegen ihres Gegenwartsbezuges und ihrer Offenheit in Deutungsangeboten damit alte Gewissheiten auf und ermöglicht einen neuen Blick auf die umkämpfte Erinnerung an den 13. Februar 1945. Sie ist ein materielles Zitat aus dem gegenwärtigen Aleppo; hier dienen so aufgestellte Busse der Zivilbevölkerung zum Schutz vor Scharfschützen. Eine kleine Tafel erklärt dies auch mit einem kurzen Rückblick auf die Zerstörung Dresdens. Die Installation – die nicht auf Busse aus Syrien, sondern auf Spenden deutscher Unternehmen und Kommunen zurückgreift – bringt damit in radikaler und monumentaler Form ein Bild des zivilen Leidens im modernen Krieg nach Dresden und wird zum Antipoden der Frauenkirche.

Infragestellung des Dresdner Mythos

Bereits Anfang des Jahres 2016 hatte das Kunsthaus Dresden unter der Leiterin Christiane Mennicke-Schwarz mit Manaf Halbouni Gespräche aufgenommen, um das “Monument“ im Rahmen des Projektes “Am Fluss. Zu Kulturen des Ankommens“ zu zeigen, das sich über fast acht Monate mit vielfältigen Vorträgen, Workshops, Performances und Konzerten dem Thema Ankommen in einer neuen Heimat und der konstanten Veränderung Europas durch Menschenbewegungen widmet.[5] Das Kulturamt der Stadt unterstützte diese Idee ebenso wie der Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der sich im Spätherbst entsprechend an die Verwaltung der Stadt wandte.

Das Kunsthaus befand sich damit in der Situation, eine geschichtspolitische Leerstelle zu besetzen, die von der Stadt Dresden bis jetzt nicht ausgefüllt wurde. Die Installation ist gezielt im öffentlichen Raum so präsent, dass sie eine materielle und – für wenige Monate – permanentere Infrage-Stellung des Dresdner Opfermythos repräsentiert, als dass die jährliche Menschenkette zum 13. Februar oder die Aktionen von Organisationen wie “Bündnis Dresden nazifrei“ dies bisher vermochten.

Von Dankbarkeit bis zu den Drohungen

Interessant ist nun, wie die BürgerInnen vor Ort reagierten. Das “Monument“ verwandelte sich in kürzester Zeit zu einer Art Altar. Menschen stellten Kränze, Blumengebinde oder einzelne Blumen an der Unterseite der Busse auf, entzündeten Grabkerzen am Fuße und hinterließen eine Vielzahl von Nachrichten, die vom Überleben des Luftangriffes bis hin zu Dankbarkeitsbezeugungen reichten, heute nicht im umkämpften Aleppo leben zu müssen. Die meisten sprechen oft für ein offenes Dresden. Eltern kommen mit ihren Kindern zum Mahnmal, Kindergartengruppen, Schulklassen und TouristInnen ebenso – hier können sie tagsüber immer auch eine/n “Vermittler_in“[6] ansprechen und Informationen über die Installation und die historischen Ereignisse in Dresden erhalten.

Die “häßliche Seite“ gibt es aber ebenso. Der Oberbürgermeister erhält Morddrohungen, seit er öffentlich bekannt gab, Dresden sei während des Krieges “keine unschuldige Stadt“ gewesen. Er wie auch die MitarbeiterInnen des Kunsthauses Dresden werden digital verunglimpft und auf das schlimmste beschimpft. PEGIDA schreit noch immer gegen das Kunstwerk an. Am 20. Februar 2017 enterten sogar Mitglieder der “identitären Bewegung“ die Installation und hängten ein Banner auf. Die Polizei muss fast jeden Tag vor Ort mit spurensichernden Methoden Parolen und Meinungsäußerungen beseitigen, die als verfassungsfeindlich eingestuft werden können (und die das Stadtmuseum Dresden ebenso wie die anderen Äußerungen als kommunales Gedächtnis archivieren wird).

Das rechte Brüllen ist laut in Dresden, aber den Fokus darauf zu legen, wird den BürgerInnen Dresdens nicht gerecht. Die Komfortzone des Gedenkens wird jenseits des Kunsthauses weiterhin bedient: Wer sich keine Busse anschauen mag, geht einfach ins Asisi-Panorama, dass ganz passend die Trümmerstadt Dresden nach den Angriffen vom Februar 1945 zeigt.[7]

Eine zeitlang war übrigens nicht klar, ob das “Monument“ nicht doch im Rahmen der Feierlichkeiten zum 3. Oktober aufgestellt werden sollte – hier bleibt es den Lesenden selbst überlassen, ganz kontrafaktisch mögliche Deutungsmuster zu imaginieren.

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Literaturhinweise

  • Arnold, Jörg u.a. (Hg.): Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen 2009.
  • Fischer, Henning: „Erinnerung“ an und für Deutschland: Dresden und der 13. Februar 1945 im Gedächtnis der Berliner Republik, Münster 2011.

Webressourcen

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[1] Vgl. Jörg Arnold u.a. (Hg.): Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen 2009.
[2] An was gemahnt wurde, veränderte sich durchaus auch im Laufe der Zeit, wie am Beispiel von Rotterdam und Köln ausführlich gezeigt in: Christine Gundermann: Die versöhnten Bürger. Der Zweite Weltkrieg in deutsch-niederländischen Begegnungen 1945-2000, Münster 2014, Kap. III.1.
[3] Die Stadt hat 2004 eine offizielle Studie zur genauen Feststellung der Opferzahlen in Auftrag gegeben. Die dafür einberufene Historikerkommission präsentierte 2010 ihre Ergebnisse, die nun unter der URL http://www.dresden.de/media/0df/infoblaetter/Historikerkommission_Dresden1945_Abschlussbericht_V1_14a.pdf (letzter Zugriff am 20.03.2017) einsehbar sind.
[4] Doreen Reinhard: Tumultartige Trauerarbeit, in: ZEIT ONLINE vom 8. Februar 2017, http://zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/dresden-gedenken-13-februar-tumulite-einweihung-skulptur-monument-manaf-halbouni (letzter Zugriff am 20.02.2017).
[5] Die Informationen zu den Hintergründen der Installation beruhen auf einem Interview mit Christiane Mennicke-Schwarz, geführt am 02.03.2017. Mein herzlichster Dank für Ihre geduldige Zusammenarbeit.
[6] Hier arbeiteten das Kunsthaus und der Dresdner Geschichtsverein zusammen.
[7] Dresden 1945. Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt. 360°-Panoramen von Y. Asisi, vom 14.01.-11.06.2017 im Panometer Dresden, http://www.panometer.de/dresden/unsere-ausstellungen/ (zuletzt angesehen am 20.03.2017).

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Abbildungsnachweis
Das Monument, Manaf Halbouni © Christine Gundermann 2017

Empfohlene Zitierweise
Gudermann, Christine: Erinnern in Dresden 2017. In: Public History Weekly 5 (2017) 15,DOI:dx.doi.org/10.1515/phw-2017-9155

Redaktionelle Verantwortung
Dominika Uczkiewicz / Krzysztof Ruchniewicz

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Commemorating the 13th of February 1945, in Dresden – the day of the most destructive air raid in Dresden’s history – seems to have been problematic, right from the beginning. Shortly after the bombardment, it was interpreted as a barbarian destruction of an “innocent city” and this narrative determines remembrance until today. The “Monument” created by the Syrian-German artist, Manaf Halbouni, is challenging this comfort zone of remembrance in 2017.

The “Dresden myth” is nothing special

Such warfare memories are astonishingly stable, resistant to change and, often, quite detached from the national coping with the past. Thereby, they are not a special feature of a Dresden or Saxony habitus, as the ongoing and hard to endure marches of PEGIDA implicate; in fact, these memory patterns can be found in other major European cities that have been subjected to air raids and destruction, as historians such as Arnold Jörg, Dietmar Süss, and Malte Thießen have demonstrated.[1]

These events did not create homogeneous European lieux de mémoire, but a kind of international solidarity community of air-raided cities that understood themselves as international places of commemoration, often regardless their nationalities. Already during war, Coventry, Rotterdam, and Warsaw were acknowledged by their nations and the international community as victims of war. Since the emergence of the town-twinning movement in the 1950s, German cities were integrated into these inter- and transnational memory patterns.[2]

In this context the historical “Dresden myth” is therefore nothing special. It is one of a kind, in so far as right wing and right wing-extremist groups have misused and misinterpreted the history of Dresden whilst the communal government remained silent. This can be substantiated by the ongoing debate about the precise number of victims of the air raids and whether allied bombers, as hedgehoppers, shot at escaping civilians.[3]

New perspectives

In 2017, a change – perceived even beyond German borders – is recognizable in Dresden. The responses to the dedication of Manaf Halbouni’s “Monument” on the 8th of February not only reveal the “ugly face” of the struggle of commemoration (the ZEIT called it “turmoil grief work” – “tumultartige Trauerarbeit”[4]), but also the manifold interpretations of the citizens and their relationship to the past. The artistic installation in front of the famous Church of Our Lady consists of three coaches, erected vertically and close to each other. Because of its demonstration of reference and its openness to interpretations, it breaks down old certainties and allows new perspectives on the contested history of 13 February 1945. The installation is a materialized quote from Aleppo today, where coaches like these are used to protect civilians from snipers. A small sign at the foot of the “Monument” informs viewers about the installation and its present-day reference to Aleppo, as well as to the historical events in Dresden. The installation does not consist of coaches from Syria; the busses are donations from German companies and communities and reflect, in a radical and monumental way, an image of suffering in modern warfare. The “Monument” works as an antipode in the memory landscape of Dresden.

Counterpoint to the “Dresden myth”

At the beginning of 2016, the Kunsthaus Dresden (the municipal gallery for modern art), under its director, Christiane Mennicke-Schwarz, discussed ways of showing the “Monument” in Dresden with Manaf Halbouni. The Project “At the River. On Cultures of Arrival” that presents, for almost eight months, workshops, performances, discussions, and concerts about leaving, arriving and comprehending each other in Europe seemed to be a perfect setting.[5] The Office for Cultural Activities supported the idea, as did Dresden’s mayor, Dirk Hilbert, who explained the idea in the late autumn of 2016 to the administration of the city.

The Kunsthaus was able to fill the gap that had been caused by the partly reluctant politics of history of the municipality. Thereby, the installation was deliberately placed in public space, to create a material and – for a few months – permanent counterpoint to the “Dresden myth” that the annual human chain or the activities of organizations such as “Bündnis Dresden nazifrei” were able to achieve, to date.

From gratitude to threats

It is interesting to observe how the city’s residents responded to the installation. Shortly after its unveiling, they transformed the “Monument” into a kind of altar. People placed wreaths, flower bouquets, or single flowers at the bottom of the coaches, lit grave candles at the foundation of the “Monument”, and left a multitude of messages that ranged from remembering surviving the raid of 1945 to gratitude for not having to live in a war-torn city like Aleppo in the present. Most of the messages represent an open-minded Dresden. Parents visit the “Monument” with their children, school classes and even kindergarten groups visit it, as do tourists; every day, specially trained “negotiators”[6] inform visitors about the installation and its historical backgrounds.

But there is an “ugly side” as well: The mayor has received death threats since he announced publicly that Dresden was “not an innocent city” during the Second World War. The same happened to staff members of the Kunsthaus Dresden after the “Monument” was erected. Both the mayor and the Kunsthaus are vilified and insulted in social media. PEGIDA still screams against the installation. On February 20, members of the so-called “identitäre Bewegung” even entered the installation and set up a banner. Police officers continuously patrol the area and, almost every morning, have to remove shibboleths and messages that are unconstitutional, using forensic methods. The city museum will collect them and others as part of its function as a communal memory location.

The right wing shouting is loud in Dresden, but to focus alone on it does not do justice to the citizens of Dresden. Beyond the Kunsthaus, the “comfort zone of commemoration” can still be entered. Those who do not want to see the busses just have to go to the Asisi-Panorama, which appropriately shows Dresden in ruins in 1945.[7]

At the beginning of the planning, it wasn’t was unclear whether the “Monument“ should not better be shown within as part of the October 3 celebration – here it is left to the reader to imagine what kind of interpretation that would have had evoked.
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Further Reading

  • Jörg Arnold et al., Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen: Wallstein 2009.
  • Henning Fischer, “Erinnerung“ an und für Deutschland: Dresden und der 13. Februar 1945 im Gedächtnis der Berliner Republik, Münster: Westfalisches Dampfboot 2011.

Web Resources

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[1] See: Jörg Arnold et al., Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen: Wallstein 2009.
[2] What exactly was commemorated, could change over time, as shown for the history of Rotterdam and Cologne in: in: Christine Gundermann: Die versöhnten Bürger. Der Zweite Weltkrieg in deutsch-niederländischen Begegnungen 1945-2000, Münster 2014, Chapt. III.1.
[3] In 2004, the city ordered an independent report about the exact numbers of deaths during the air raids. In 2010, the historical commission presented its research results, which are available online at: http://www.dresden.de/media/0df/infoblaetter/Historikerkommission_Dresden1945_Abschlussbericht_V1_14a.pdf  (last accessed 20.03.2017).
[4] Doreen Reinhard: Tumultartige Trauerarbeit, in: ZEIT ONLINE, 8th February 2017, http://zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/dresden-gedenken-13-februar-tumulite-einweihung-skulptur-monument-manaf-halbouni (last accessed 20.03.2017).
[5] Information about the background of the installation are based on an interview with Christiane Mennicke-Schwarz on 02.03.2017. My deepest thanks for her cooperation.
[6] The Kunsthaus and the Dresden Historical Society were working together on this issue.
[7] Dresden 1945. Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt. 360°-Panoramen von Y. Asisi, vom 14.01.-11.06.2017 im Panometer Dresden, http://www.panometer.de/dresden/unsere-ausstellungen/ (last accessed 20.03.2017).

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Image Credits
The Monument, Manaf Halbouni © Christine Gundermann

Recommended Citation
Gudermann, Christine: Remembering in Dresden 2017. In: Public History Weekly 5 (2017) 15,DOI:dx.doi.org/10.1515/phw-2017-9155

Editorial Responsibility
Dominika Uczkiewicz / Krzysztof Ruchniewicz

Copyright (c) 2017 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.


Categories: 5 (2017) 16
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2017-9155

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