Time for Reparation

Zeit für Wiedergutmachung

On 19 December 2014, more than 100,000 Swiss voters submitted the so-called “Reparation Initiative”[1]. The necessary signatures were collected within barely more than half a year. Consequently, the Swiss people will decide on whether past injustices in the social constitutional state shall be investigated and reparations be paid also in Switzerland.

 

Historical reappraisal and memory cultures

The Reparation Initiative demands the reappraisal of the history of welfare-related coercive measures and foster care placements practiced in Switzerland up until the 1980s. The Initiative also demands financial compensation for the victims of such measures, whether they were children placed in institutions or in foster families (the latter were also called “thinged” children), or whether they even suffered forced sterilization or forced adoption. A victims fund of 500 million Swiss francs will be set up. It is noteworthy that, after the sub…


Categories: 3 (2015) 5
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2015-3448

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  1. Geschichte der Minderheiten

    Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Geschichte von Minderheiten und deren Thematisierung im Unterricht. Nicht nur der rechtliche Schutz, sondern vor allem auch ihre Respektierung durch die Mehrheitsgesellschaft ist ein wesentliches Element einer demokratischen Gesellschaft. Und damit auch ein Schlüsselinhalt von Geschichtsunterricht und politischer Bildung. Wie zentral er ist, zeigen die leidvollen Erfahrungen von Angehörigen unterschiedlicher Minderheiten in Geschichte wie Gegenwart. Damit ist die Forderung nach Wiedergutmachung nicht nur verständlich, sondern zwingend. Eine demokratische Gesellschaft kann nicht mit Verdrängung leben. Denn Wiedergutmachung zeigt ja schliesslich auch, welche Werte der aktuellen Mehrheitsgesellschaft wichtig sind.

    Lernende fragen nach dem Ursprung von Entwicklungen genauso wie nach den Gründen für menschliches Handeln in Gegenwart und Vergangenheit. Und sie wollen stets wissen, wie man das werten soll. Doch obwohl sie Anspruch auf die Diskussion ihrer Fragen hätten, endet der Unterricht viel zu oft bei der Sachanalyse. Zu einem Sachurteil oder gar zu einem Werturteil kommen nicht alle Lehrer. Da teile ich Peter Gautschis Erfahrungen.

    Welche Verantwortung haben wir gegenüber dem Handeln unserer Vorfahren? Oder neutraler gefragt: welche Haltung nehmen wir dazu ein? Es gibt wohl kaum eine spannendere Frage im Geschichtsunterricht. Und eigentlich schwingt sie bei vielen Gegenwartsbezügen mit – leider oft nur unterschwellig. Ganz anders in der öffentlichen Erinnerungskultur. Peter Gautschi weist zu Recht darauf hin, dass sich in den letzten Jahren – auch unter dem Eindruck der Diskussion rund um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg – eine Form herausgebildet hat, die Fragen stellt und Unrecht thematisiert. Sie steht allerdings im Gegensatz zur anderen Erinnerungskultur (die in der Schweiz nach Marko Demantowskys These[1] eigentlich eine wiederaufgewärmte Geschichtskultur der 1950er-Jahre wäre), die keine Fragen zulässt, forschungsfern ist und einzig der Selbstvergewisserung dient.

    Peter Gautschi zeigt, dass nur ein Schweizer Lehrmittel ausführlicher auf die Frage nach Wiedergutmachung eingeht. Es handelt sich um ein Lehrmittel zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Multiperspektivisch und sorgfältig abwägend wurde hier versucht, einen neuen Zugang jenseits nationaler Erzählmuster zu öffnen. Nach den neuen Forschungsergebnissen war dieses Projekt dringend notwendig. Trotzdem wurde es von Protagonisten der traditionellen Geschichtskultur heftig angegriffen und ihr Diskurs beherrschte in der Folge die öffentliche Debatte.

    Erinnerungskultur ist aber vielschichtiger. Interessant sind dabei die Ergebnisse von intergenerationellen Gruppendiskussionen, die 2007-2009 im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg geführt wurden. Dabei waren sich alle Teilnehmenden einig, dass „Erinnern, um aus Fehlern zu lernen“ wichtig sei. Ebenso wichtig fanden viele Teilnehmende die kritische Aufarbeitung der Erinnerung. Viele vertraten aber auch die Ansicht, dass mit der Arbeit der Unabhängigen Expertenkommission diese Aufarbeitung erfolgt sei und der Diskurs nun abgeschlossen werden könne. Eine ständige Erinnerung an vergangenes Unrecht wurde von vielen kritisch beurteilt.[2]

    Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Erinnerung nicht so einfach ins geschichtskulturelle „Langzeitgedächtnis“ zu überführen ist. Vielmehr besteht die Gefahr, dass wissenschaftliche Argumente als elitär und abgehoben abgelehnt werden und dafür wieder vermehrt auf die oben angeführten traditionellen Geschichtsbilder zurückgegriffen wird. Darin haben dann weder kritische Fragen noch Selbstreflexion Platz.[3]

    Was bedeutet das für die Schule? Im Unterricht wie in der Öffentlichkeit müssen wir Geschichte und Geschichtsbilder diskutieren, begründen und immer wieder neu formulieren. Deswegen müssen Lehrende befähigt und ermutigt werden, Geschichte nicht nur zu lehren, sondern auch zu reflektieren. Denn wir sollten Lernenden vermitteln, dass Diskussionen über die Deutung der Vergangenheit helfen, uns selber über unsere Werte und Vorstellungen klar zu werden. Am Interesse der Schülerinnen und Schülern würden solche Konzepte wohl kaum scheitern.

    Anmerkungen
    [1] Vgl. den Beitrag von Marko Demantowsky vom 29. Januar 2015 auf Public history weekly
    [2] Bernhard Schär u.a. (2014): Auf der Suche nach der verlorenen Erzählung. Das Thema „Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ in Schule und Öffentlichkeit. Ergänzungen zu Regula Ludi. Traverse 2014/1, S. 153–170, hier S. 162.
    [3] Vgl. auch den Beitrag von Mario Carretero vom 5. Februar 2015 auf Public history weekly

  2. In der Schweiz stellt sich die Frage der Wiedergutmachung neben den fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen insbesondere in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg (nachrichenlose Vermögen, Flüchtlingspolitik). Die “Schweizer Vergangenheitsbewältigung” wird zuweilen als “Politik mit der Geschichte” kritisiert, wie etwa im Buch von Stefan Schürer “Die Verfassung im Zeichen historischer Gerechtigkeit”. Ich zeige in einem Review die Unterschiede zwischen einem rechtlichen und historiographischen Zugang zu diesen Fragen auf. Die Besprechung ist in der “Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte”, 62 (1), 2012, greifbar.

    Was Schürer kaum thematisiert, ist die Relevanz unterschiedlicher Erinnerungen der verschiedenen Akteure. Peter Gautschi zeigt in seinem interessanten Beitrag aber auf, wie wichtig diese Perspektive für die “Aufarbeitung der Vergangenheit” ist. Ein besonders interessantes Thema für die Schule. Kinder und Jugendliche können in einer erinnerungs- und erzähltheoretisch vermittelten Geschichte sehr viel über sich und ihren Umgang mit andern in der Gegenwart lernen.

    Es gibt mittlerweile insbesondere in der französischen Schweiz verschiedene Lehrmittel, die die Forschungsergebnisse der Unabhängigen Expertenkommission “Schweiz – Zweiter Weltkrieg” vermitteln – ein Beispiel: “Le rapport Bergier à l’usage des élèves” von Charles Heimberg. Ein Lehrmittel geht besonders systematisch auf die Frage der unterschiedlichen Erinnerungen in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust ein: “Hinschauen und Nachfragen, Die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen” von 2006.

    Für die Aufarbeitung der Flüchtlingspolitik muss ein mehrdimensionaler Erinnerungsraum aufgespannt werden, wie ich in meinem Artikel “Drei Erzählungen über das Eigene und das Fremde” zu zeigen versucht habe. Dieser Artikel über “Die Schweiz und die Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg” ist im Buch Blickwechsel des Caritas-Verlags greifbar.

  3. Public History als Masterstudiengang in der Schweiz?

    In seinem anregenden Beitrag legt Peter Gautschi dar, wie essentiell die Herstellung eines thematischen Gegenwartsbezugs für den Geschichtsunterricht sein kann. Wenn sich zudem aufzeigen lässt, wie sich Menschen mittels Beschäftigung mit Vergangenheit sogar für eine gerechtere Welt einsetzen, ist dies ein äusserst wertvoller didaktischer Anknüpfungspunkt an die lebensweltlichen Erfahrungen der Lernenden. Heute herrscht auf den Sekundarstufen I und II, im Vergleich zu ein paar Jahrzehnten zuvor, ein multiperspektivischer Geschichtsunterricht vor, der auch Minderheiten berücksichtigt. Diese Entwicklung ist v. a. dem Post Colonial Turn der letzten 20 Jahre in den Kultur- und Sozialwissenschaften zu verdanken. Seither rückten vermehrt bislang verdrängte Themen in den Fokus der Forschung und prägten verschiedene Lehrmittel.

    Ein Zusammendenken von Sachanalyse, Sachurteil und Werturteilen lässt sich besonders gut an bislang für die Öffentlichkeit eher unbekannten Themen realisieren, denen noch lebende ZeitzeugInnen – wie ehemalige Verdingkinder – Gesichter und Stimmen geben und für Betroffenheit sorgen können. Durch gezielte Aufarbeitung und Aufbereitung mittels Public History wie Ausstellungen oder Dokumentarfilme können solche Themen rasch von einer breiten Öffentlichkeit rezipiert werden. Im Gegensatz dazu haben Geschichten von Minderheiten, die schon vor Generationen konsequent ausgeblendet wurden, einen viel schwierigeren Stand, in die aktuelle Geschichtskultur einzugehen.

    Beispielsweise waren Schweizer SoldatInnen, HändlerInnen, Kaufleute, UnternehmerInnen, SiedlerInnen und MissionarInnen in Nordamerika in das global agierende System europäischer Expansion involviert und in die damit einhergehende Zurückdrängung und Vernichtung indigener Ethnien und Kulturen verstrickt. Während jedoch der Aufbau der Neuen Welt fester Bestandteil der schweizerischen Erinnerungskultur ist, wird hingegen die Zerstörung einer seit Jahrtausenden existierende Alten Welt nicht berücksichtigt. 2006 wurde auf Ellis Island (N.Y.) die Ausstellung Small Number – Big Impact, gezeigt. Diese gastierte anschliessend im Schweizerischen Landesmuseum Zürich. In der Ankündigung war zu lesen: “Heute haben rund 1,2 Millionen US-Bürgerinnen und -Bürger Schweizer Wurzeln. Verglichen mit Iren, Italienern und Deutschen, ist die Zahl der ‚New Americans’ aus der Schweiz klein – eine ‚small number’. Ihr Einfluss war und ist dennoch beträchtlich – ein ‚big impact’. Die Ausstellung verfolgt die Spuren von 26 Schweizer Auswanderern und ihren Nachkommen in den Bereichen Musik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Politik.”[1] Einseitig wird der kreativen Seite der schweizerischen Beteiligung am Aufbau der heutigen USA gedacht, während ihre zerstörerische Seite nicht thematisiert wird.

    Ein ähnliches Bild vermittelt auch das 2011 vom Schweizer Fernsehen produzierte “Fernsehabenteuer” Panamericana.[2] In der 7-teiligen Serie bereist Reto Brennwald Amerika von Alaska bis Feuerland. Er berichtet Interessantes über Landschaften und deren BewohnerInnen. Auch das Alltagsleben von indigenen Ethnien wird sensibel, jedoch ohne historische Tiefenschärfe, portraitiert. In der letzten Folge ist Brennwald auf der chilenischen Insel Chiloe zu Gast bei Sonia Catepillan Guiano, die dem Fernsehpublikum als “Nachfahrin der Mapuche-Indianer” vorgestellt wird. Während der Unterhaltung kommt sie im Zusammenhang mit dem Bau der heute unter UNESCO-Welterbe stehenden Holzkirchen auf den kulturellen Genozid zu sprechen: “Der Gott, der die Kirchen gemacht hat, hat uns auch unsere Dörfer und unsere Sprache weggenommen.” Darauf entgegnet der Reporter unbeholfen, “aber die Kirchen sind sehr schön hier” und wechselt das heikle Thema. Dabei wäre es für ein besseres Verständnis der Mapuche wichtig, genau diese Geschichte eingehender zu beleuchten. Dass die unter der Armutsgrenze lebenden Mapuche noch immer um ihren angestammten Lebensraum kämpfen, der ihnen im 19. Jahrhundert enteignet worden war, machte die Ermordung eines schweizerstämmigen Farmerehepaars vom 4. Januar 2013 deutlich.[3] Die blutige Auseinandersetzung sorgte auch in der deutschsprachigen Presse für Schlagzeilen. In einem Artikel war zu lesen: “Die Mapuche, Nachfahren eines der kriegerischsten Völker Südamerikas, beanspruchen das Land für sich.”[4] Der Ausdruck “eines der kriegerischsten Völker” ist insofern irreführend, da es die Mapuche als Aggressor benennt und dies nur weil sie sich gegen die Invasoren und deren brutale Landenteignung zur Wehr gesetzt hatten.[5] Gewiss ist die Ermordung zweier Menschen ein schreckliches Ereignis, das die Tragik der Geschichte widerspiegelt. Doch im gleichen Augenblick müssen die Zusammenhänge richtig und frei von imperialistischer Sprache dargestellt werden.

    Um solche mit einer deutlichen Schlagseite behafteten öffentliche Geschichtsbilder mit ihren verdrängten Geschichten zu ergänzen, sind HistorikerInnen in der Forschung, im Geschichtsunterricht und auch in der öffentlichen Vermittlung ständig gefordert. Wäre es in diesem Zusammenhang nicht erstrebenswert, an Schweizer Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen etwa die Einführung eines Masterstudiengangs in Public History in Erwägung zu ziehen? Dabei könnten angehende HistorikerInnen von Grund auf lernen, wie sich komplexe historische Zusammenhänge einem breiten Publikum vermitteln lassen. Denn wie kein anderer geschichtswissenschaftlicher Bereich kann eine kritisch betriebene Public History als Schnittstelle zwischen historischer Forschung und geschichtskultureller Öffentlichkeit dazu beitragen, geläufige Geschichtsbilder differenzierter darzustellen.

    Anmerkungen
    [1] http://www.smallnumber.ch/index.html (zuletzt am 31. 03. 2015).
    [2] Panamericana. Von Alaska nach Feuerland mit Reto Brennwald, SRF 2011.
    [3] Marti, Werner: Neue Gewaltwelle in Südchile. In: NZZ, 18. 01. 2013.
    [4] Weiss, Sandra: Konflikt zwischen Schweizer Einwanderern und Mapuche in Chile eskaliert. In: Badische Zeitung, v. 07.01.2013.
    [5] Vgl. Richter, Janine: Leserkommentar ebd.

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