Wie lange muss jemand hier leben? Migration und Identität

 

In den Jahren 2010 bis 2012 konnte man eine Diskussion verfolgen, die sich an einer Rede des Bundespräsidenten Wulff entzündete. Wulff betonte seinerzeit, der Islam gehöre heute, ebenso wie das Christentum und das Judentum, zu Deutschland.1 Widerspruch kam von den führenden CDU/CSU-Politikern Hans-Peter Friedrich und Volker Kauder. Sie erklärten, der Islam gehöre historisch nicht zu Deutschland, er präge nicht die deutsche Kultur und Identität, auch wenn Muslime heute zu Deutschland gehörten und als Staatsbürger alle Staatsbürgerrechte genießen würden. Das sicherzustellen, sei Aufgabe des Staates.2  

 

Bezüge: Rechtsstaat vs. Nationalstaat

Gehört der Islam zu Deutschland? Diese Frage bewegt die Menschen hierzulande immer dann besonders stark, wenn entsprechende Debatten auftauchen. Einig ist man sich bislang nicht. Was aber an den Einlassungen der drei Politiker exemplarisch deutlich wird ist, dass die Beantwortung dieser Frage viel mit der Einstellung zur Geschichte zu tun hat. Einigkeit besteht offensichtlich darin, dass auf der Ebene des Staates alle Menschen zusammen gehören. Dies sicherzustellen ist die Aufgabe des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates und von daher gehören Muslime selbstverständlich als Staatsbürger in den Rechts- und Verfassungsstaat Deutschland. Für Christian Wulff gehören Christentum und Judentum historisch zu Deutschland, und der Islam jetzt auch. Weitere Unterscheidungen sind für ihn hier überflüssig. Die Argumentation der beiden anderen bezieht dezidiert eine andere Ebene mit ein: Sie sprechen von Tradition, von Kultur und von Identität und kommen zum umgekehrten Schluss: Der Islam gehört historisch nicht zu Deutschland! Er hat nämlich keine Bezüge zur deutschen Tradition, er gehört daher nicht in die deutsche Kultur und kann damit auch nicht Bestandteil einer deutschen Identität sein. Pointiert gesagt: Der Islam kann wohl auch niemals zum Bestandteil einer deutschen Identität werden, weil er zu der Zeit, als eine Identitätsbildung mit dem Ziel eines deutschen Nationalstaates begann, offenbar kulturell nicht anwesend war. Unsere “Wurzeln” sind daher “nur” als jüdisch-christlich zu bestimmen. Herauszuhören ist in den Argumentationen eine qualitative Unterscheidung zwischen Staat und Nation und diese Unterscheidung wird über die Wurzelmetapher möglich. Denkt man Geschichte von der Wurzelmetapher her, hat sie offensichtlich die Aufgabe, Menschen lebensweltlich zu verwurzeln.3 In einer Wechselbeziehung zwischen Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur bilden die Menschen Sinn über Zeiterfahrungen und entwickeln eine historische Identität. Diese ermöglicht ihnen, sich im Wandel der Zeit als kohärente Personen in einer Gemeinschaft wahrzunehmen. Wurzeln statten eine Person mit “Kraft und Authentizität”4 aus, sie legitimieren die Kultur eines Personenverbandes historisch.

Dominanzkultur historisch

Worin unterscheiden sich Staat und Nation? Auf der Ebene des freiheitlich-demokratischen Staates werden Pluralität und Heterogenität rechtlich gewährleistet und abgesichert. Allerdings findet hier aufgrund der funktionalen Differenzierung, die die heutige Gesellschaft kennzeichnet, eine Identitätsdiffusion statt: Wer gehört mit wem wie warum zusammen? Für dieses Problem kann „die Nation“ eine Lösung anbieten.5 Mit Hilfe von Geschichte ermöglicht sie dem Personenverband, der den Boden der Nation als “Vaterland” bewohnt, eine nach innen gerichtete Homogenisierung mit einer “ur-“eigenen kulturellen Identität und damit eine Vollinklusion in die Gemeinschaft der Nation. Um diese historische Identität überhaupt wahrnehmen zu können, bedarf es dann notwendigerweise der Anwesenheit von Geschichte in der Gegenwart in Form eines historischen Orientierungswissens “von der Antike an bis zur Gegenwart”6 mit dem Ziel einer “störungsfreien Kommunikation”.7 Die Ausrichtung des historischen Lernens und Denkens an einem master narrative ist die folgerichtige Konsequenz einer solchen Denkweise. Das kommunizierte historische Orientierungswissen prägt damit die Dominanzkultur innerhalb einer Gesellschaft in ihrer historischen Dimension.8

Ursprungskontinuität

Das Thematisieren einer Geschichte, deren Sinn das Herausbilden einer historischen Identität ist, hat jedoch Konsequenzen: In Kommunikationen wird demjenigen Element, dem eine größere Kontinuität zum Ursprung zuerkannt wird, der Vorrang eingeräumt; es repräsentiert das unsichtbare Allgemeine.9 Damit wird in eine Kommunikation zwischen Gleichen eine Unterscheidung eingeführt. Als Folge dieser Unterscheidung kann der unterlegene Teil in der Kommunikation physisch sichtbar gemacht werden. Da in der institutionell kommunizierten Geschichte der Dominanzkultur eine größere Kontinuität zum Ursprung zuerkannt wird, stehen deren Mitglieder für das unsichtbare Allgemeine als ein WIR. “Wir” können “die Anderen” nun auch sehen: Es sind die Menschen “ohne Geschichte” innerhalb der Dominanzkultur.

Bezugspunkt Gegenwart!

Nationalstaaten sind offensichtlich besonders dann keine Inklusionsgemeinschaften, wenn Kultur zur Basisgröße der historischen Orientierung erklärt wird.10 Wollen wir tatsächlich eine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Staatsbürgern und Bürgern der Nation tradieren? Wenn wir weiter auf eine historische Identität verweisen, die soziale Bindung von kultureller Übereinstimmung abhängig macht, werden mindestens weitere 2000 Jahre vergehen müssen, bis der Islam zu Deutschland gehört – wenn es die Menschheit bis dahin überhaupt noch gibt. Wir könnten dies ändern, indem wir Geschichte anders denken und dann auch kommunizieren: Zusammen gehört, wer zusammen lebt. Und wer zusammen lebt, macht fortan gemeinsam Geschichte. Die Gegenwart sollte der Bezugspunkt eines durch Achtsamkeit geprägten Miteinanders sein – nicht eine kommunizierte Geschichte, die auf ein Orientierungswissen von der Antike an abhebt.

 

 

Literatur

  • Nassehi, Armin: Differenzierungsfolgen. Beiträge zur Soziologie der Moderne, Wiesbaden 1999.
  • Rommelspacher, Birgit: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, 2. Aufl., Berlin 1998.
  • Völkel, Bärbel: Man sieht nur mit dem Herzen gut!? – Was hat Thilo Sarrazins Angst um Deutschland mit Geschichte zu tun? Kritische Überlegungen zur Sinnbildung über Zeiterfahrung. In: Religion lernen. Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, Band 2: Kirchengeschichte, Hannover 2011, S. 23-37.

Externe Links


Abbildungsnachweis
Mit freundlicher Genehmigung © der Berliner Senatverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen / Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration, unter Verwendung von http://www.einbuergerung-jetzt.de

Empfohlene Zitierweise
Völkel, Bärbel: Wie lange muss jemand hier leben? Migration und Identität. In: Public History Weekly 2 (2014) 7, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1284.

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  1. Christian Wulf: Vielfalt schätzen – Zusammenhalt fördern. Rede von Bundespräsident Christian Wulf zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 in Bremen, S. 1-9, hier S. 1-6. Hier online (zuletzt am 14. 1. 2014).
  2. Bundesinnenminister Friedrich: „Islam gehört historisch nicht zu Deutschland“. In: FAZ v. 4.3.2011, hier online (zuletzt am 13.1.2014) | Kauder: Muslime gehören zu Deutschland, der Islam nicht. In: Hamburger Abendblatt v. 19.4.2012, hier online (zuletzt am 13.1.2014).
  3. In Zuspitzung von Rüsen, Jörn: Einleitung. Geschichtsbewusstsein thematisieren – Problemlagen und Analysestrategien. In: ders. (Hrsg.): Geschichtsbewusstsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde, Köln u.a. 2001, S. 1-13, hier 2.
  4. Gellner, Ernest: Nationalismus. Kultur und Macht, Berlin 1999, S. 122.
  5. Nassehi, Armin: Differenzierungsfolgen. Beiträge zur Soziologie der Moderne, Wiesbaden 1999, S. 169f.
  6. Stellungnahme des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. (VHD) zu den neuen hessischen Bildungsstandards und Inhaltsfeldern. Hier online (zuletzt am 13.1.2014).
  7. Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (Hrsg.): Bildungsstandards Geschichte, Rahmenmodell Gymnasium, 5.-10. Jahrgangsstufe, Schwalbach/Ts. 2007, S. 11, hier online (zuletzt am 15.1.2014).
  8. Vgl. zum Begriff der Dominanzkultur Rommelspacher, Birgit: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, 2. Aufl., Berlin 1998, S. 9-38.
  9. Vgl. Luhmann, Niklas: Frauen, Männer und George Spencer Brown. In: Pasero, Ursula / Weinbach, Christine (Hrsg.): Frauen, Männer, Gender Trouble. Systemtheoretische Essays, Frankfurt/M. 2003, S. 15-62.
  10. Rüsen, Jörn: Geschichte im Kulturprozess, Köln u.a. 2002, S. 209.

Categories: 2 (2014) 7
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1284

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  1. Der Islam gehört zur europäischen Geschichte
    Bärbel Völkel greift eine vieldiskutierte Frage auf: Wird Bürgerinnen und Bürgern islamischen Glaubens, die in Deutschland leben, durch die Vermittlung eines bestimmten „historischen Orientierungswissens ‚von der Antike bis zur Gegenwart‘“ die Teilhabe an einer „deutschen historischen Identität“ abgesprochen, die den „Bürgern der Nation“ vorbehalten bleibt? Sie plädiert dafür, das „Wir-Gefühl“ über das gemeinsame Handeln in Gegenwart und Zukunft zu definieren und nicht über die Vergangenheit.

    Drei monotheistische Religionen entwickelten sich im mittelalterlichen Europa
    Aber warum sollte eine solche Gemeinsamkeit nicht auch aus der Geschichte ableitbar sein? „Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr.“, so nannte Michael Borgolte seine umfangreiche Gesamtdarstellung des europäischen Mittelalters aus einer konsequent multikulturellen und multireligiösen Sicht. Er vertritt darin die These, die antike Vielgötterei sei durch drei große Religionen abgelöst worden, die durch eine gemeinsame monotheistische Orientierung gekennzeichnet sind. Als er sein Werk 2006 präsentierte, gab es einen Ansturm entrüsteter Lehrerinnen und Lehrer. „Wie können Sie den Islam zu Europa rechnen? Hat sich nicht doch das Christentum durchgesetzt?“ Borgolte sagte in das Getöse hinein: „Nein! Und was heißt überhaupt ‚durchgesetzt‘? Denken Sie doch an das Judentum!“ Da wurde es aber still im Saal.

    „Durchsetzung“ bedeutet immer Ausgrenzung
    Etwas hat sich „durchgesetzt“, das bedeutet den Ausschluss von Alteritäten, enthält Konnotationen von Gewalt, Militär und Sozialdarwinismus. Jemand nimmt einen Raum ein, lässt sich bequem und sicher dort nieder; alle anderen werden herausgedrängt. Eine Anwendung des Begriffs im kulturellen Bereich ist daher problematisch. Und eigentlich ganz und gar „unchristlich“, denn die biblische Lehre steht ja dafür, dass die Schwachen und Hilflosen zu schützen seien.
    Zudem sind die Religionen, die sich nicht „durchsetzen“ konnten, keineswegs schwach und hilflos. Judentum und Christentum nennen wir zusammen, weil wir verstanden haben, dass Jüdinnen und Juden einflussreich für die Entwicklung Europas waren, obwohl es nach der Zerschlagung des Judenstaates keine eigene jüdische „Nation“ mehr gab. Warum also wird die dritte monotheistische Religion aus dem europäischen Selbstverständnis ausgeschlossen? Zahlreiche Titel sind inzwischen erschienen, die die Bedeutung von Religionsgesprächen zwischen Christen und Moslems aufweisen, von den Kontakten und Kooperationen zwischen ihnen berichten. Borgolte hat inzwischen seine Forschungen auf Afrika und Asien ausgedehnt und zeigt die enge Verbindung der drei Kontinente. Wird es bei der Präsentation der nächsten großen Werke dann heißen: „Wie können Sie es wagen, andere Kontinente zu erwähnen! Ja, hat sich nicht doch Europa durchgesetzt?“

    Eurozentristische Selbstbilder setzen koloniale Traditionen fort
    Kein Wunder, dass Europäern ein neo-kolonialistischer Eurozentrismus vorgeworfen wird. Die „post-colonial-Studies“, die sich seit ca. 20 Jahren entfalten, fordern systematisch zu prüfen, ob wir nicht bis in die Gegenwart hinein „koloniale“ Verhaltensweisen, Gedankenwelten und auch Ansprüche reproduzieren. Diese Arbeiten werden vor allem von Vertretern aus Ländern des globalen Südens betrieben, die es leid sind, sich von Europäern absprechen zu lassen, überhaupt eine eigene „Geschichte“ gehabt zu haben, bevor Portugiesen, Spanier und andere Weiße an ihren Küsten ihre Flaggen hissten.
    Das „Orientierungswissen“, das Bärbel Völkel anspricht, beginnt in der „Antike“. Würde es früher einsetzen, käme die Bedeutung weltgeschichtlicher Verflechtungen zum Vorschein. Denn archäologische Funde erweisen, dass die ersten menschlichen Wesen in Afrika lebten. Und lange vor den „Entdeckungen“ des Christoph Columbus gab es vielfache Kontakte zwischen Europäern und Menschen anderer Kontinente: Händler und Handwerker, Gesandte, Künstler, neugierige Reisende, Geistliche und Prostituierte, alle sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts, waren unterwegs. Sie durchkreuzten die Sahara auf den alten Kamelpfaden, folgten den Trassen der Seidenstraße und durchschifften die Flüsse und Meere. Nachts am Feuer tauschten sie Wissens- und Glaubenselemente aus und erzählten sich Geschichten, spannen die der anderen weiter und bauten sie in ihre eigenen ein. Textüberlieferungen spiegeln die Verbindung der Traditionen über die Jahrhunderte. Die Erzählkultur Europas ist stark geprägt durch Vorbilder aus dem „Orient“, die in den Exempelwerken spätestens seit dem 12. Jahrhundert in verschiedenen europäischen Sprachen nachweisbar sind. Narrationen kennen keine Grenzen.

    Vielfalt der Identitäten
    Der Schlüsselbegriff in Bärbel Völkels Text ist „Identität“. Aber kann es eine Identität im Singular geben? Die post-colonial-studies fordern , starre und einseitigen Vorstellungen von einer Ich-Prägung aufzugeben und durch Bilder von pluralen und flüssigen Identitäten zu ersetzen, die besser den vielfachen Einflüssen gerecht werden, die Menschen während ihres Lebens prägen. Könnten wir die Vielfalt dieser Anregungen zulassen, würden wir uns in Europa besser selber verstehen.
    Eine Überprüfung unseres „historischen Orientierungswissen“ auf der Basis des Forschungsstandes der letzten Jahre, das wollte ich zeigen, würde uns helfen, die multireligiöse Gegenwart nicht als neue und fremde Entwicklung zu verstehen, sondern als historische Normalität.

    Das Christentum ist afrikanisch
    Und wie „christlich“ ist denn nun die sog. „Dominanzkultur“ in Deutschland? Als unser Gastprofessor aus Ghana bei der Besichtigung von Kirchen feststellte, dass auch zur Hauptgottesdienstzeit nur einige ältere Frauen in den Bänken saßen, bat er mich aufgeregt nach draußen. „You have brought us christianity“, schrie er in höchster Erregung. Ihr Weißen habt das Christentum nach Afrika gebracht, und wie ernst nehmt ihr es heute? „Das Christentum“, so antwortete ich ihm, „ist doch spätestens seit dem Kirchenvater Augustinus, der im 4./5. Jahrhundert im nordafrikanischen Numidien lebte, afrikanisch.“

    Anm. der Redaktion:
    Bea Lundt verantwortet das Weblog: Kontakte und Aktivitäten zwischen Hochschulen in westafrikanischen Ländern und der Universität Flensburg

  2. Orient und Okzident gehören zusammen. Immer schon hat es Begegnungen gegeben und diese haben ihre Spuren in Form von Kulturtransfers hinterlassen. Das, was wir heute als Kulturen bezeichnen, an die wir offensichtlich unsere Identitäten binden, ist letztendlich nichts anderes als eine Mischung aus vielen unterschiedlichen Gedankenwelten. Homogen sind und waren Kulturen noch nie und damit können auch Identitäten nicht homogen sein. Niemand ist nur Einer und nur dieser; jeder ist ein dieser und jener und noch viel mehr.(1)
    Wo kommt also die Denkweise her, zu behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, könne nicht Teil deutscher Kultur und Identität sein? Bea Lundt weist völlig richtig darauf hin, dass in der Geschichtswissenschaft tragfähige Darstellungen entwickelt wurden, die die Verflochtenheit der Welt seit Beginn der Menschheit belegen. Diese haben sich bislang im institutionell kommunizierten Umgang mit Geschichte noch nicht wirklich durchsetzen können. Wo also liegt eine mögliche Ursache dieser Wahrnehmungsresistenz?
    Wenn wir darauf beharren, dass Nationalstaaten eine eigene Kultur und Identität vorweisen können, übertragen wir, so meine These, eine Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert. Gleichzeitig übernehmen wir, wenn auch unbemerkt und ungewollt, Gedankengut aus jenem Jahrhundert und übertragen dieses in eine Welt, die mit der Welt von vor 200 Jahren nicht mehr vergleichbar ist. Dieses Gedankengut gehört in eine Vorstellungswelt der Nationalstaatsbildung, des Imperialismus und Kolonialismus. In jener Zeit war es ein wichtiges Anliegen, das jeweils `Eigene` der zu gründenden Nation zu bestimmen und historisch zu legitimieren. Die sich gleichzeitig in dieser Zeit etablierende Geschichtswissenschaft schuf einen Referenzrahmen, der es ermöglichte, durch die Generierung einer Meistererzählung die Geschichte der Nation von ihren `Ursprüngen` her zu erzählen. Damit aber begab man sich in nationalistische und ethnozentrische Denkmuster hinein.(2)
    Das Zurücksetzen kultureller Vielfalt innerhalb eines Staates auf spezifische kulturelle und identitätsgenerierende Besonderheiten substanzialisiert imaginierte Gemeinschaften(3) und damit auch deren Kultur. Kulturen können in der Folge naturalisiert und analog zu biologischen Gattungen gedacht werden. Hier handelt es sich aber um einen schwerwiegenden Kategorienfehler: Nicht Kulturen sind `Gattungen` und als solche schützenswert. Schützenswert ist die Spezies Mensch. Was uns eint, ist das Mensch-Sein, was uns unterscheidet, sind die kulturellen Prägungen, die wir erhalten haben. Wir können uns entscheiden, ob wir auf den selbst erzeugten Unterschieden beharren und diese als `natürlich` festschreiben wollen. Wir könnten uns aber auch dafür entscheiden, uns gemeinsam mit jenen zu verändern, mit denen wir zusammen leben. Wir bringen neue Kulturen hervor, in denen Anteile aller enthalten sind.
    Bea Lundt verweist in ihrem Kommentar auf die historische Präsenz des Islam in Europa. Man kann heute europäische Geschichte nicht mehr erzählen, ohne den Islam in diese Erzählung einzubeziehen. Und wenn der Islam zu Europa gehört, gehört er auch zu Deutschland. Sollen wir also unser `master narrative` ändern? Wir schreiben eine neue Geschichte Deutschlands, in der der Isalm nun auch zur deutschen Kultur und Identität gehört. Es geht dann aber weiter: Gehören Sinti und Roma mit ihrem je Eigenen zur deutschen Kultur und Identität? Wie sieht es aus mit Menschen, die eine buddhistische, eine konfuzianische oder eine Stammes – Kultur als `ihre` Identität in unsere Gesellschaft einbringen? Nehmen wir sie auch in unsere `imaginierte Gemeinschaft` auf?
    Historische Narrationen, die Nationalstaaten über einen kulturellen Orientierungsrahmen auf Dauer stellen sollen, sind auf eine Komplexitätsreduktion angewiesen. Die Zugehörigkeit zur Nation stellt dann eine historische Verpflichtung dar und diese bezieht sich primär auf jene, die den Boden der Nation `schon immer` bewohnten. Ein solches Denken kommt wiederum aus dem 19. Jahrhundert; ist es in einer Welt globaler Wanderungen überhaupt hilfreich? Und, pointiert gefragt, war ein solches Denken denn jemals hilfreich? Schon immer ging die Vorstellung einer homogenen ethnischen Gruppe, die eine Nation bewohnt, an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei und schuf mehr Konflikte, als dass sie welche löste.
    Eine Nation, die alle historisch(!) integrieren möchte, ist ein Anachronismus. Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen können m.E. erst dann nachhaltig zusammen wachsen, wenn wir auf ein nationales Masternarrativ, das soziale Bindung durch kulturelle Übereinstimmung erzeugen soll, verzichten. Dieses zielt nämlich auf eine `Masteridentität`, die historische Identität, ab.(4) Diese legt sich als primäre Solidarisierungsanforderung vor alle anderen Identitäten des Menschen, weil sie die soziale Bindung an die Nation als emotionalen Bezugspunkt einer Gemeinschaft gewährleisten soll.
    Eine nicht mehr ausgrenzende Geschichte müsste ganz anders kommuniziert werden. Sie dürfte nicht mehr auf die Generierung einer historischen Identität, eines kulturell `Eigenen` gerichtet sein, Geschichtskulturen wären völlig anders zu denken und zu zeigen.
    Daher meine Überlegung, die Gegenwart zum Ausgangspunkt des `Geschichte Denkens` zu machen. Um ein gelingendes, am demokratischen Rechtsstaat ausgerichtetes Miteinander zu entwickeln, kann dann auf unterschiedliche Geschichtsräume rekurriert werden. Von hier aus können Vorstellungen entworfen und verhandelt werden, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen könnte. Jeder wird sich verändern (müssen). Wohin die Reise geht, bleibt offen – aber damit hätten wir zumindest eine echte Zukunft und nicht nur eine in die Zukunft verlängerte Gegenwart.

    (1) Vgl. Sen, Amartya: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2012/2.
    (2) Vgl. mein Kommentar zu Holger Thünemanns Beitrag `Abschied vom Geschichtsbewusstsein?` in diesem Journal.
    (3) Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts, Frankfurt a.M. 1996/2.
    (4) Vgl. hierzu Eickelpasch, Rolf; Rademacher, Claudia: Identität, Bielfeld 2013/4.

    • Die Meistererzählung ist tot. Es lebe die Meistererzählung!

      Bärbel Völkel ruft zur Entscheidung auf. Was uns eine, sei das Mensch-Sein, was uns unterscheide, die kulturellen Prägungen. Gegen Letztere und für die Hervorbringung neuer Kulturen, in denen “Anteile aller enthalten” seien, gelte es sich nun zu entscheiden.

      Mich stört dieser Appell zur Entscheidung. Und zwar deshalb, weil er mir sehr bekannt vorkommt. Bekannt nämlich aus der Diktion jener Meistererzählung, gegen die Völkel schreibt. Es stellt sich somit die Frage, ob der Aufruf, die alten Meistererzählungen mit einem pathetischen “Wir bringen neue Kulturen hervor!” hinter sich zu lassen, nicht mit eben jenem Anspruch auftritt, den er zu überwinden sucht. Die Meistererzählung ist tot – es lebe die Meistererzählung!

      Die Hoffnungen, die sich mit den im Beitrag Völkels skizzierten “neuen Kulturen” verbinden, sind indessen problematisch. Und dies vor allem aus zwei Gründen:

      1. Das Insistieren auf der Überwindung der Trennschärfe zwischen dem Eigenen und dem Anderen zu Gunsten einer “Hybrid-Kultur”, die Völkel ja wohl meint, löst keine Probleme. Sie schafft vielmehr neue. Darauf hat Jörn Rüsen jüngst präzise hingewiesen. So grenzen sich in der (von wem eigentlich?) zu schaffenden neuen “Meta-Kultur” nämlich in erhöhter Komplexität Hybride voneinander ab. Die konfliktträchtige Diskrepanz zwischen dem Eigenen und dem Anderen wird man so nicht los. Was man aber los wird, ist die Zeitdimension, “die sich das menschliche Selbst in den Bildungsprozessen seiner Identität zu eigen machen will (und muss).”[1]

      2. Für eine dialogische Kulturbegegnung unter Verzicht auf Absolutheitsansprüche scheint es mir unerlässlich, unterschiedliche Kulturen als konkrete, ja unhintergehbare Größen ernst zu nehmen. Zu hinterfragen sind daher auch Maßstäbe, die der jeweiligen Kultur fremd sind. Was ist also, wenn eine Kultur gar nicht in der verheißenen “Meta-Kultur” aufgehen möchte? Wenn eine Kultur eben gerade nicht auf ihre “Masteridentität” und auf ihr “Masternarrativ” verzichten möchte, womöglich, weil sie diese als konstitutiv für ihre Kultur, ja vielleicht sogar für ihre Definition des “Mensch-Seins” erachtet? Droht ihr dann die Marginalisierung oder gar die Ausgrenzung durch die neue Meistererzählung?

      In diesem Zusammenhang überzeugt eben auch der Hinweis auf das ja allen Menschen in ihrem Menschein gewissermaßen Ureigene, das “Humanum”, nur vordergründig. Denn das Rekurrieren oder gar Insistieren auf ein immer spezifisch verstandenes und ja wohl auch zu verstehendes “Humanum” besitzt im vorliegenden Fall eine abendländische, aufklärerische Konnotation. Nun könnte man freilich auf die Idee kommen, eine solche Definition sei allgemeinverbindlich, zumindest aber konsensfähig für alle Kulturen. Wäre dies aber nicht auch wieder der Versuch, “soziale Bindung durch kulturelle Übereinstimmung” zu erzeugen? Und was wäre, wenn vielleicht das “Humanum” gerade darin bestünde, die spezifische Identität eines Einzelnen oder einer Gruppe als unhintergehbar und unaufgebbar anzusehen?

      Anmerkung
      [1] Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Köln 2013, S. 277, Anm. 264.

  3. Avatar

    Gemäß Georg Simmel ergibt sich die Individualität eines Menschen aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Kreisen. Als “Soziale Kreise” definiert Simmel Gruppen, welchen man freiwillig (Arbeitsplatz, Wohnort, Partner, Verein) oder vorbestimmt (Geburtsort, Eltern, Nationalität) angehört. Individualität ist dabei der Schnittpunkt des Menschen mit den ihn umgebenden sozialen Kreisen. Je mehr Kreisen ein Mensch angehört, desto individueller ist er. Je enger er mit einem Kreis verbunden ist, desto weniger individuelle Freiheit entwickelt er. Soziale Kreise versuchen sich von anderen sozialen Kreisen abzugrenzen. Durch diese Konkurrenz entsteht das “Zugehörigkeits- und Fremdgefühl”: Menschen aus demselben Kreis werden als “zugehörig” empfunden. Menschen, welche einem gegensätzlichen Kreis angehören, als “nicht-zugehörig/fremd”. Häufig werden bei dieser Zuordnung Ähnlichkeiten und Unterschiede ignoriert, auch die Zugehörigkeit “fremder” Personen zu anderen gemeinsamen sozialen Kreisen, es zählt für den Menschen lediglich die Zugehörigkeit zu diesem einen sozialen Kreis.[1]

    Wie in dem von Bärbel Völkel vorgestellten Beispiel “Muna” zählt bei dieser Frage lediglich ihre Religionszugehörigkeit bzw. ihre andere Religionszugehörigkeit als Zeichen, ob sie Teil der europäischen Gesellschaft sei oder nicht. Andere Kreise, wie beispielsweise Geburtsort, Sprache, Nationalität, welche mit christlichen Europäern identisch wären, werden bei dieser Frage vernachlässigt. Dies wäre vermutlich nicht in Simmels Sinne, denn der Kreis “europäisch” und der Kreis “Christ/Religion” sind nicht identisch. Selbstverständlich gehört “Muna” nicht dem Kreis “Christ” an, sondern dem Kreis “Islam”. Aber sie gehört genauso den sozialen Kreisen “Europa”, “deutsch”, “Berlin” an – wie viele christliche Europäer auch.

    Bleibt zu Bea Lundts vorgestellter These, das Christentum sei afrikanisch, die Frage, inwiefern die heutige europäische Kultur überhaupt noch christlich geprägt ist. Hierzu provokativ gefragt: Kann man wirklich eine Nation als christlich deklarieren, in der nur noch eine kleine Minderheit regelmäßig die Kirche besucht und ihrem Glauben entsprechend lebt? Finden sich in der von der Mehrheit praktizierten Normen tatsächlich christliche Werte – oder könnten sie nicht tatsächlich auch durch andere religiöse oder “gesellschaftlich nützliche und sinnvolle” Regeln ausgetauscht werden? Wie viel Christentum steckt überhaupt noch in der europäischen Realität? Kann man sich dann überhaupt anmaßen, nicht-christliche Menschen aus der Gesellschaft ausgrenzen zu wollen, nur weil sie bei Religionszugehörigkeit keine christliche Kirche angeben wollen – im Gegensatz zu den Christen, bei welchen dies in ihrem Identitätsausweis dokumentiert ist, aber im Leben keine Rolle spielt?

    Anstatt die wenigen gegensätzlichen sozialen Kreise zu betonen, sollte man sich eher an den mehrfach vorhandenen Gemeinsamkeiten konzentrieren, dann erübrigt sich ein Ausschluss Andersgläubiger aus der Gesellschaft quasi von selbst. Damit wäre Simmels Modell aus dem 19. Jahrhundert ein gutes und heute noch aktuelles Plädoyer für Toleranz, indem man sich statt auf Unterschiede, Ausgrenzung und Konkurrenz besser auf Gemeinsamkeiten, Integration und Gemeinschaft besinnt.

    Anmerkung:
    [1] Simmel, Georg: Über soziale Differenzierung (1890). In: Simmel, Georg: Gesamtausgabe (Band 2), Frankfurt a.M. 1989; ders.: Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich? (1908). In: Simmel, Georg: Schriften zur Soziologie, Frankfurt a.M. 1983; ders.: Die Ausdehnung der Gruppe und die Ausbreitung der Individualität (1888). In: Simmel, Georg: Schriften zur Soziologie, Frankfurt a.M. 1983.

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