Jahre des Gedenkens, Momente des Vergessens

 

Jetzt geht es los, endlich wird es ernst. In diesem Monat besteigen wir das Schiff, das vom festen Ufer der Gegenwart abstößt und uns auf einem Strom der unendlich scheinenden Erinnerung fortträgt. Die Feiern zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie – vor zehn Jahren nahm erstmals ein deutscher Bundeskanzler an der regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltung teil – machten den Anfang. Es folgen die Besinnung auf das Attentat von Sarajewo und den Beginn des Ersten Weltkriegs vor einhundert, das Gedenken an die Auslösung des Zweiten Weltkriegs vor fünfundsiebzig, sodann das Fest des Mauerfalls vor fünfundzwanzig Jahren. 2015 stehen dann (u.a.) 70 Jahre 1945 und 25 Jahre 1990 thematisch an. Ist das noch besonnene Geschichtskultur oder ein lärmendes Gedächtnis ohne Maß?

 

 

Vier Jahre Gedenken an den Ersten Weltkrieg?

Die Großspurigkeit historischen Erinnerns wird hier gewiss nicht zum ersten Mal registriert. Bereits das letzte Superjubiläumsjahr 2009 rief manchen Unmut angesichts von Fülle und Intensität der Begängnisse hervor. Umso mehr erstaunt die aktuelle Beobachtung, dass Ausmaß und Inbrunst des Gedenkens immer noch zunehmen, wiewohl regional unterschiedlich. Während man sich in Deutschland 2016 wohl erst einmal zurücklehnen wird (trotz “100 Jahre Verdun”), soll die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Belgien und Frankreich sogar die vollen vier einschlägigen Jahre umfassen: Genau deswegen heißt das dortige Losungswort zum Centenaire – eingeprägt auf der Rückseite der diesjährigen 2-Euro-Kursmünze von Belgien – nicht etwa 1914-2014, sondern richtig 2014-2018, also: Bürger, der Du dies Geld in die Hand nimmst, gedenke stets seiner historischen Umstände! Naiv zugleich die Annahme, aus ritualisierter Geschichte entspränge Politik: So wird das Vereinigte Königreich eher aus der EU ausgetreten sein, als dass des Premierministers Cameron Plan nicht in die Tat umgesetzt wurde, akut so viele britische Schulkinder wie nur möglich auf die Schlachtfelder Flanderns zu schicken. Kann das nicht alles einmal aufhören? Braucht jemand all diese inszenierte Kommemoration? Womit genau verbindet uns die konnektive Struktur der Wiederholung?

“Erinnert Euch”

In einem bemerkenswerten Beitrag hat Béatrice Ziegler jüngst1 die viel zu oft übersehene Ideologienähe (ich füge hinzu: das Betrügerische) aller Konzepte eines kollektiven und kulturellen Gedächtnisses hervorgehoben. Jene Imperative des “Erinnert Euch” sind, selbst wenn wir ihren Urgrund in einer wohlmeinenden, nach Heil(ung) strebenden jüdisch-christlichen Religion (man vergleiche das alttestamentarische “Zachor”) anerkennen, niemals wertfrei. Ziegler beklagt in diesem machtvollen Spiel besonders die kontraproduktive Diskurshoheit einiger weniger Erinnerungsmeister, die ihre souveräne Stellung für eine Begriffsverwirrung aus Nachlässigkeit oder Absicht missbrauchen. Das beginnt freilich nicht erst mit Aleida Assmann, die in ihrer jüngsten “Intervention” zum “neuen Unbehagen an der Erinnerungskultur“ trotz gutem Willen zu kritischer Aufklärung nicht mehr durchgängig ihrem eigenen Anspruch, “Erinnerung” konsequent als Metapher zu (ent-)werten, gerecht wird.2 Unklar aber waren die Gedächtnis-Begriffe schon bei Maurice Halbwachs und das heißt noch bevor sich das ereignen sollte, was für Deutschland später zum Gegenstand des größten Teils seiner “Erinnerungskultur” wurde. Wie unpassend schief ist daher auch das Wort der “entliehenen Erinnerung”, die, so liest man, Jugendliche mit Migrationshintergrund sich aneignen würden, denn genauso wenig ist doch die “Erinnerung” Heranwachsender ohne aktuelle Zuwanderungsgeschichte etwa an den Nationalsozialismus oder das geteilte Deutschland selbst erworbener Besitz.

Nicht-wissen-Wollen und Nicht-wissen-Müssen

Zum Glück vermag die Geschichtsdidaktik mit ihren gut strukturierten Begriffen Klarheit zu schaffen. Denn sie verfügt – anders als etwa die übrige Geschichtswissenschaft, deren Forschungs- und Mitteilensdrang kein Maß kennen – in ihren ja schon alten Kategorien der Reduktion, Exemplarik und Profilierung über probate Mittel des beherrschten Vergessenmachens (wobei “vergessen” hier genauso uneigentlich, nicht-psychologisch gemeint ist wie “erinnern”). Jedes Geschichtscurriculum, und besteht es aus noch so langen Listen von Bildungsstandards bzw. als solchen verkappten Stoffkatalogen, ist doch lediglich ein Fest des Nicht-wissen-Wollens und Nicht-wissen-Müssens: Was Du hier nicht lernst, lernst Du nimmermehr. “Multiperspektivität” führt – insofern jedwede Perspektive die Beschränkung des Erkenntnisdrangs kalkuliert – zu nichts anderem als einer feiner austarierten Verdrängung. Der reflexive Umgang mit der eigensinnigen Gestaltungskraft des historischen Erzählers durch narrative Kompetenz heißt gerade nicht deren Neutralisierung. Und Geschichtskultur bedeutet wenig mehr als die geschichtsbewusste Organisation des Ausschleichens aus einer bindungsunfähigen Überlieferung. Da sie sich an der pädagogisch geprüften Lebensdienlichkeit historischer Orientierung ausrichtet, operiert die Geschichtsdidaktik dabei jedoch mit einem viel komplexer entwickelten Instrumentarium als autoritäre Oblivionsklauseln in diplomatischen Verträgen nach verheerenden Kriegen oder z.B. Christian Meier, wenn er die ausnahmsweise Unvergesslichkeit des Holocaust am Ende doch ziemlich arbiträr setzt.3

Die religiöse Dimension der Erinnerung

Nein, dieser Text soll keinem Relativismus das Wort reden. Viel zu vieles der jüngeren und älteren Geschichte harrt noch seiner “Aufarbeitung”. Ja, wir wissen von allem nie genug! Das ist aber auch deswegen so, weil wir uns immer schon an zu vieles erinnern (mithin zu wenig didaktisch denken). Jörn Rüsen hat neulich seinen altbewährten Dimensionen von Geschichtskultur (der kognitiven, ästhetischen und politischen) jene von Moral und Religion hinzugefügt. Das hat etwas für sich, weil Erinnern vormals ja eine Gottespflicht war. Wie indessen das Eingedenken einer säkularen Gesellschaft “mit Zukunftsgehalt” (so der Theologe Johann Baptist Metz) aussehen könnte, bleibt weiter offen. Vielleicht richtet es als Alternative zu allem Pomp tatsächlich allein die Mohnblume. Ihr Sommerleuchten immerhin scheint nicht von dieser Welt.

 

 

Literatur

  • Ziegler, Béatrice: “Erinnert euch!” – Geschichte als Erinnerung und die Wissenschaft. In: Gautschi, Peter / Sommer Häller, Barbara (Hrsg.): Der Beitrag von Schulen und Hochschulen zu Erinnerungskulturen. Schwalbach/Ts. 2014, S. 69-89.
  • Lenzen, Verena (Hrsg.): Erinnerung als Herkunft der Zukunft. Bern 2008.

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Abbildungsnachweis
2-Euro-Münze, Belgien. © Michele Barricelli.

Empfohlene Zitierweise
Barricelli, Michele: Jahre des Gedenkens, Momente des Vergessens. In: Public History Weekly 2 (2014) 22, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2203.

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  1. Siehe Literaturempfehlung oben.
  2. Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. München 2013.
  3. Meier, Christian: Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. München 2010.

Categories: 2 (2014) 22
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-2203

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