Game of Thrones and Leviathan

Abstract: “Game of Thrones” is set somewhere in the Middle Ages. The plot, characters and places are fictional. On the Island of Westeros, which resembles Europe and is the main setting of the story, several aristocratic Houses fight for the Iron Throne of the late King Baratheon. This is a particularly bloody war. In each episode there is no lack of visually enacted scenes of extreme violence and maliciousness that blatantly disregard the value of human life. This contributes to the popularity of the series, which is now in its sixth season.
DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-6485
Languages: English, German

“Game of Thrones” spielt irgendwie im Mittelalter. Die Handlung, die Personen und Orte sind fiktiv. Auf der Europa ähnlichen Insel Westeros, dem Hauptschauplatz der Handlungen, kämpfen nach dem Tod von König Robert Baratheon mehrere adlige Häuser um dessen Eisernen Thron. Dieser Krieg wird äußerst blutig ausgetragen, die einzelnen Staffelteile sparen nicht mit visuellen Inszenierungen extremer Gewalt und menschenverachtender Niederträchtigkeit. Das trägt zur Popularität der Serie bei, von der inzwischen sechs Staffeln vorliegen.

 

Historische Bezugspunkte der Serie

Ein wichtiger Aspekt für den Erfolg der Serie liegt darin, dass die komplexe und spannende Spielhandlung mit unseren in vielen Jahren eingeübten Seherwartungen bricht. War es früher selbstverständlich, dass die positiv aufgebauten Protagonisten jede Situation überlebten und selbst den schlimmsten Bedrohungen mit zum Teil völlig absurden “deus ex machina”-Effekten entka…


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DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-6485

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  1. Markus Bernhardt erkennt in der Serie “Game of Thrones“ das Menschen- und Gesellschaftsbild aus Hobbes’ “Leviathan“ wieder und hält diese Interpretation für fruchtbarer, wenn wir etwas über das von ihr angesprochene Geschichtsbewusstsein erfahren wollen, als die Suche nach Mittelalterbezügen. Eine geschichtskulturelle Analyse kann aber auch gewinnbringend von der “Mittelalterlichkeit“ Westeros’ ausgehen.

    Dass Fantasywelten visuell und technologisch dem Mittelalter verhaftet bleiben, ist nicht neu. G.R.R. Martin fügt dem nicht nur konkrete historische Vorbilder für Handlungsstränge und Ereignisse hinzu, sondern versucht auch die Sozialstruktur des Mittelalters nachzubilden. Seine Adelshäuser sind miteinander durch Ehen und Treueeide verbunden, Könige müssen ihre Gefolgsleute aktiv an sich binden und Ritter sollen nicht nur kämpfen, sondern auch für bestimmte Tugenden stehen. Bezogen auf die Geschlechterrollen äußerte sich der Autor in einem Interview wie folgt: “The books reflect a patriarchal society based on the Middle Ages. The Middle Ages were not a time of sexual egalitarianism. It was very classist, dividing people into three classes. And they had strong ideas about the roles of women.”[1] Man könnte fast glauben, eigentlich habe er historische Romane schreiben wollen, aber sich daran gestört, dass deren Ende stets schon feststeht und deshalb in Fachbüchern nachgeschlagen werden kann.

    Die Fans von Romanreihe und Serie akzeptieren diese Welt als Mittelalter, trotz Drachen und Untoten. Weite Teile der Handlung (oder vielmehr viele Handlungsstränge) kommen auch ohne diese Elemente aus und befassen sich mit zutiefst irdischen Machtkämpfen und den Versuchen von Figuren ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden oder zumindest zu überleben. Vielfach verleugnen die Figuren selbst jede Form von Magie und amüsieren sich über die Idee, es gäbe Riesen oder ähnliche Wesen.

    Vor allem aber schließt Westeros hervorragend an das Bild vom finsteren Mittelalter an, gerade wegen der allgegenwärtigen Gewalt, die Bernhardt stärker an den Leviathan erinnert. Diese Vorstellung dient auch als Rechtfertigung der Gewaltdarstellungen gegenüber KritikerInnen. “It’s brutal, but that’s what it is at times.“ sagt zum Beispiel der Schauspieler Jonathan Pryce in einem Interview.[2] Die grausamen Szenen, für die “Game of Thrones“ steht, sind somit nicht nur eine künstlerische Entscheidung, sondern für historische Korrektheit zwingend nötig. Das Narrativ vom finsteren Mittelalter ist somit zum Maßstab geworden, nach dem selbst Fantasygeschichten beurteilt werden, die gar keinen Anspruch auf Authentizität erheben müssten.

    “Game of Thrones“ bedient also nicht nur die Angst vor Katastrophen, deren Lösung die Politik überfordert (oder scheinbar nicht interessiert), sondern auch die Vorstellung von alltäglicher Gewalt im Mittelalter. Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, mag in der frühen Neuzeit erdacht worden sein, aber wie auch bei der Hexenverfolgung, wird solches Verhalten dem Mittelalter eher zugetraut, als der Zeit zwischen Humanismus und Aufklärung.

    Anmerkungen
    [1] http://www.ew.com/article/2015/06/03/george-rr-martin-thrones-violence-women (letzter Zugriff 4.7.2016
    [2] http://europe.newsweek.com/jonathan-pryce-game-thrones-violence-there-are-more-brutal-things-cinema-446974?rm=eu (letzter Zugriff 4.7.2016)

  2. Historisch Denken mit Game of Thrones?

    Markus Bernhardts geschichtstheoretisch inspirierte Interpretation der Serie “Game of Thrones” ist zu begrüßen. Sie ist nicht nur an aktuelle curriculare Vorgaben des Geschichtsunterrichts anschlussfähig, sondern zeigt auch exemplarisch das epistemologische Potenzial einer geschichtstheoretischen Analyse geschichtskultureller Phänomene. Denn geschichtskulturelle Analysen, die lediglich historische Bezüge fokussieren, laufen oftmals – wie Markus Bernhardt schreibt – “ins Leere” und/oder kommen – so ließe sich ergänzen – zu dem wenig überraschenden und wenig ergebnisoffenen Befund, dass geschichtskulturelle Phänomene eben keiner historiografischen Logik folgen.

    Dieser Umstand ist auch für den Geschichtsunterricht relevant. Denn dieser soll Lernende befähigen, geschichtskulturelle Phänomene eigenständig und kritisch zu reflektieren.

    Aus dieser Perspektive stellt sich die hier natürlich zugespitzt und plakativ formulierte Frage, ob der zweifellos anregende, jedoch rein inhaltsanalytische Zugriff Markus Bernhardts auf geschichtskulturelle Phänomene im Geschichtsunterricht eigenständige und differenzierte historische Denkprozesse im Sinne Jörn Rüsens und Karl-Ernst Jeismanns zu initiieren vermag oder ob das fokussierte, m.E. eher normative Orientierungswissen (“Game of Thrones” als Parabel auf Zukunftsängste) letztlich nicht monoperspektivische “Fertigkost” serviert?

    Dazu drei knappe Überlegungen:

    1.) Die Kernlehrpläne Geschichte für die Sekundarstufe I und II an Gymnasien und Gesamtschulen in NRW z.B. intendieren bezugnehmend auf Jörn Rüsen und Karl-Ernst Jeismann eine multiperspektivische Interpretation von Geschichtsdarstellungen und differenzierte Sach- und Werturteilsbildung[1]. Der Einbezug der Perspektive der Autoren in die Interpretation geschichtskultureller Phänomene wird in den Kernlehrplänen ausdrücklich angeregt.[2]

    2.) Nimmt man die Befunde geschichtsdidaktischer Empirie[3], dass Lernenden der Konstruktcharakter von Geschichtsdarstellungen oftmals nicht bewusst ist, ernst, dann lässt sich mit Blick auf Conceptual Change im Geschichtsunterricht bezugnehmend auf Saskia Handro argumentieren, dass “[n]ur Lernende, denen der Prozess historischer Erkenntnisgewinnung vertraut ist, die wiederholt historische Erkenntnisverfahren anwenden und reflektieren, wissen wie ‚Geschichte gemacht wird’ und werden ‚fertige Geschichte(n)’ kritisch hinterfragen”.[4]

    3.) Jüngst markierten die Geschichtsdidaktiker Wolfgang Hasberg und Holger Thünemann die Integration von Geschichtskultur in historische Lehr-Lernprozesse als “Probleme und Perspektiven der geschichtsdidaktischen Kompetenzdebatte”.[5] Nicht zuletzt vor dem Hintergrund curricularer Vorgaben wäre es wünschenswert, wenn es für die Ausbildung reflektierten Geschichtsbewusstseins im Geschichtsunterricht des digitalen Zeitalters nicht nur neue Formen der Handlungsorientierung gäbe[6], sondern auch inhaltsanalytische Zugriffe bei der Interpretation geschichtskultureller Phänomene um Perspektiven, Zwänge und handlungsleitende Entscheidungen der Produzenten sowie Bedürfnisse und Erwartungen der Rezipienten erweitert würden (siehe z.B. die gewinnbringende Analyse Daniel Münchs). Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, die Analyse geschichtskultureller Phänomene im Hinblick auf historische Bezüge im Geschichtsunterricht zu maginalisieren. Aber geschichtsdidaktische Analysen, die Produzenten, Inhalte und Rezeptionsprozesse geschichtskultureller Phänomene unter geschichtstheoretischen Prämissen gleichberechtigt in den Blick nehmen, könnten erstens bewährte fachwissenschaftliche Zugriffe auf geschichtskulturelle Phänomene im Geschichtsunterricht gewinnbringend ergänzen und zweitens eine empirische Grundlage für eine reflektierte Integration von Geschichtskultur in historische Lehr-Lernprozesse bilden.

    Anmerkungen
    [1] Vgl. z.B. Jörn Rüsen: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln u.a. 2013; Karl-Ernst Jeismann: Geschichtsbewusstsein – Theorie. In: Klaus Bergmann u.a. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. Seelze-Velber 1997, S. 42-44.
    [2] Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für die Sekundarstufe II. Geschichte. Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 2014, v.a. S. 11f. und 16; Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen. Geschichte. Düsseldorf 2007, v.a. S. 16.
    [3] Vgl. z.B. Christoph Kühberger (Hrsg.): Geschichte denken. Zum Umgang mit Geschichte und Vergangenheit von Schüler/innen der Sekundarstufe I am Beispiel “Spielfilm”. Empirische Befunde – Diagnostische Tools – Methodische Hinweise. Innsbruck 2013 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 7).
    [4]Saskia Handro: Historische Erkenntnisverfahren. In: Günther-Arndt, Hilke/Handro, Saskia (Hg.): Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 5. überarbeitete Neuauflage Berlin 2015, S. 24-43, Zitat S. 43.
    [5] Holger Thünemann: Probleme und Perspektiven der geschichtsdidaktischen Kompetenzdebatte. In: Saskia Handro/Bernd Schönemann (Hrsg.): Aus der Geschichte lernen? Weiße Flecken der Kompetenzdebatte. Berlin 2016 (= Geschichtskultur und historisches Lernen, Bd. 15), S. 37-51, v.a. S. 48-50; Wolfgang Hasberg: Schöne neue, schöne digitale Welt? Ein Zwischenfazit zum geschichtsdidaktischen Potenzial digitaler Medien. In: Wolfgang Buchberger/Christoph Kühberger/Christoph Stuhlberger (Hrsg.): Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht. Innsbruck 2015 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 9), S. 245-S. 276.
    [6] Vgl. z.B. Wolfgang Buchberger/Christoph Kühberger/Christoph Stuhlberger (Hrsg.): Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht. Innsbruck 2015 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 9).

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