Game of Thrones and Leviathan

“Game of Thrones” spielt irgendwie im Mittelalter. Die Handlung, die Personen und Orte sind fiktiv. Auf der Europa ähnlichen Insel Westeros, dem Hauptschauplatz der Handlungen, kämpfen nach dem Tod von König Robert Baratheon mehrere adlige Häuser um dessen Eisernen Thron. Dieser Krieg wird äußerst blutig ausgetragen, die einzelnen Staffelteile sparen nicht mit visuellen Inszenierungen extremer Gewalt und menschenverachtender Niederträchtigkeit. Das trägt zur Popularität der Serie bei, von der inzwischen sechs Staffeln vorliegen.

Historische Bezugspunkte der Serie

Ein wichtiger Aspekt für den Erfolg der Serie liegt darin, dass die komplexe und spannende Spielhandlung mit unseren in vielen Jahren eingeübten Seherwartungen bricht. War es früher selbstverständlich, dass die positiv aufgebauten Protagonisten jede Situation überlebten und selbst den schlimmsten Bedrohungen mit zum Teil völlig absurden “deus ex machina”-Effekten entkamen, werden in “Game of Thrones” positive Figuren fröhlich niedergemetzelt, während miese Schurken überleben, die es dann oft aber auch trifft.[1] Erste Botschaft: Was immer du auch tust, kann dich nicht retten, Prävention ist weitgehend sinnlos. Selbst auf die Familie kannst du dich nicht wirklich verlassen. Töte also, bevor du getötet wirst.

Es wird darüber gerätselt, welche historische Situation diese Botschaft aufgreift, an welchem historischen Vorbild sie sich orientiert. “Game of Thrones” beruht auf der Romanreihe “A Song of Ice and Fire” von George R. R. Martin. Im Internet befassen sich viele Seiten mit den historischen Bezugspunkten.[2] Besonders beliebt ist die Vermutung, dass die Rosenkriege im England des 15. Jahrhunderts Pate standen, in denen die Häuser York und Lancaster sich um den englischen Thron stritten. In der Serie heißen sie Stark und Lannister. Ein gut gemachtes YouTube-Video von Alex Gendler (“The wars that inspired Game of Thrones”) führt in den historischen Kontext und seine Parallelen zu “Game of Thrones” ein.[3] Neben dieser Analogie des Plots wird auf weitere Elemente der Filme verwiesen, die historische Entsprechungen haben. In der Mauer, die Wildlinge und Weiße Wanderer von den Südlanden fernhalten soll, wird der 113 Kilometer lange Hadrianswall erkannt, der seinerzeit das römisch besetzte Britannien vor den Pikten und Iren schützen sollte.[4] Auch das Gemetzel, das der abscheuliche Walder Frey unter den Starks am „Red Wedding“ anrichtet, ist lose mit den Ereignissen des “Black Dinner” und des “Glencoe Massacre” verbunden.[5] Selbst “historisch-materialistische” Analysen über die “Produktionsverhältnisse” in Westeros und Essos findet man im Netz, in denen darüber räsoniert wird, ob es “Produktivkräfte” gibt, die Westeros vom “Feudalismus” in den “Kapitalismus” überführen könnten.[6]

Das Gesellschaftsbild des Leviathans

Ich glaube, diese Bezüge führen eine geschichtskulturelle Analyse ins Leere, so nett und überraschend sie auch sein mögen. Denn sie tragen im Grunde nichts zum historischen Denken bei, verstanden als Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich schlage stattdessen eine andere Deutung vor. In „Game of Thrones“ wird eine Gesellschaft beschrieben, die der englische Philosoph Thomas Hobbes in seinem 1651/1670 publizierten, staatstheoretisches Hauptwerk “Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil” entworfen hatte. In Hobbes völlig entfesselter Gesellschaft führt jeder Krieg gegen jeden (bellum omnium contra omnes). Die Menschheit lebt in einem “Naturzustand” ohne Staat und ist von Gesetzlosigkeit und Anarchie gekennzeichnet. Nach Hobbes ist der Mensch kein zoon politikon, kein Gemeinschaftswesen, wie es Aristoteles und Cicero annahmen, sondern vom reinsten Egoismus getrieben, der lediglich aus drei Elementen besteht: Verlangen, Furcht und Vernunft. Der Mensch ist der natürlich Feind des Menschen, in den Worten von Hobbes: homo homini lupus est.[7] Das entspricht ziemlich genau dem Menschenbild, dem die Akteure in “Game of Thrones” folgen. Der historische Bezugspunkt wäre so gesehen nicht das 15. Jahrhundert mit seinen Rosenkriegen, sondern das 17. Jahrhundert des englischen Bürgerkriegs.

“Töte, bevor du getötet wirst.”

Dieser Bezugspunkt gewinnt seine Logik mit dem Blick in die heutige Zukunft, der den oben vorgestellten Deutungen fehlt. Die zahlreichen Fans der Serie sehen in den Episoden ihre eigenen Zukunftserwartungen ins Bild gesetzt, die mit Craig Calhoun als “emergency imaginary” beschrieben werden können. “Es ist dieses durch Katastrophenmeldungen und düstere Zukunftsprognosen fortwährend aktualisierte Gefühl der Entsicherung, der Ausgesetztheit gegenüber allgegenwärtigen Gefahren und Risiken, aus dem die präventiven Semantiken und Strategien ihre Legitimität und Anziehungskraft gewinnen”, wie der Soziologe Ulrich Bröckling diagnostiziert.[8] “Game of Thrones” stellt mithin eine Welt ohne oder mit einem versagenden Staat dar, der nicht in der Lage ist, den “Wolf im Menschen” im Zaum zu halten und wenigstens das Leben der Untertanen einigermaßen zu schützen. Deshalb der Grundsatz: Töte, bevor du getötet wirst.

Die Gegenwart als Repräsentanz in der Vergangenheit

Auch die Mauer, die seit “Jahrtausenden” unter dem Schutz der Nachtwache steht, wird aufgrund der Wirren in Westeros nicht mehr wirksam besetzt. Dahinter lauert ein Feind, der mit herkömmlichen Mitteln gar nicht mehr zu bekämpfen sein wird. Die untoten Weißen Wanderer drohen die Mauer zu durchbrechen, die aber nur aufrechterhalten werden könnte, wenn alle Königreiche diese Gesamtverantwortung wahrnehmen würden. In der Gegenwart repräsentieren die weißen Wanderer die absolute Katastrophe, Bedrohungen “die in keiner Weise berechenbar erscheinen”, also Bedrohungen, wie sie etwa in der Klimakatastrophe oder im Terrorismus imaginiert werden.[9]

Diese fiktive Welt zeigt eine Gefühlslage in der Gegenwart, die durch tatsächliche oder vermutete Bedrohungen und Gefahren von immer größerer Zukunftsangst gekennzeichnet ist. So wird Game of Thrones zu einer Parabel auf Zukunftsängste, die sich imaginativ aus Vergangenheitsdeutungen und Gegenwartserfahrungen speisen.

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Literaturhinweise

  • Bröckling, Ulrich: Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution. In: Zeithistorische Forschungen. In: Christopher Daase/Philipp Offermann/Valentin Rauer (Hrsg.): Sicherheitskultur: soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/M. 2012, S. 93-108.
  • Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Hrsg. v. Iring Fetscher, übers. v. Walter Euchner. Frankfurt/M. 1996 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Band 462).
  • Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft. Göttingen 2016.

Webressourcen

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[1] Nina May: Sympathie für den Tyrannen. Die Fantasy-Saga “Game of Thrones” kennt keine positiven Helden – und hat gerade damit Massenerfolg. In: ZEIT Online v. 27.4.2014. Online im Internet: URL: http://www.zeit.de/2014/47/game-of-thrones-fantasy-serie (letzter Zugriff 3.6.2016).
[2] Z. B. Andreas Kilb: “Game of Thrones” Wie viel Mittelalter steckt in der Erfolgsserie? In: FAZ.NET v. 11.4.2013. Online im Internet: URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/game-of-thrones-wie-viel-mittelalter-steckt-in-der-erfolgsserie-12145271.html (letzter Zugriff 3.6.2016).
[3] https://youtu.be/VjO55pKuBo4 (letzter Zugriff 3.6.2016). Mit deutschen Untertiteln: Adrian Pohr: Das echte Game of Thrones. In: ZEIT Online, Blog Teilchen v. 13.5.2015. Online im Internet: URL: http://blog.zeit.de/teilchen/2015/05/13/das-echte-game-of-thrones/?utm_content=zeitde_redpost_link_sf&utm_campaign=ref&utm_source=facebook_zonaudev_int&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost.link.sf (letzter Zugriff 3.6.2016).
[4] Hadrianswall für Fortgeschrittene: die Mauer. In: FAZ.NET v. 11.4.2013. Online im Internet: URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/game-of-thrones-wie-viel-mittelalter-steckt-in-der-erfolgsserie-12145271/hadrianswall-fuer-12145239.html (letzter Zugriff 3.6.2016).
[5] “Game Of Thrones” Red Wedding Based On Real Historical Events: The Black Dinner And Glencoe Massacre. In: Huffington Post v. 6.5.2013. Online im Internet: URL: http://www.huffingtonpost.com/2013/06/05/game-of-thrones-red-wedding-black-dinner-real-events_n_3393099.html (letzter Zugriff 3.6.2016).
[6] Jon Snow: Game of Thrones: Eine historisch-materialistische Analyse. In: www.sozialismus.net v. 15.10.2013. Online im Internet: URL: http://www.sozialismus.net/content/view/1892/1/ (letzter Zugriff 3.6.2016).
[7] Friedrich Mayer: Grundtexte Europas. Epochale Ereignisse und Existenzprobleme der Menschheit. Projekte zum fächerübergreifenden Unterricht. Lehrerkommentar, Bamberg 1995, S. 140-163.
[8] Ulrich Bröckling: Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution. In: Zeithistorische Forschungen. In: Christopher Daase/Philipp Offermann/Valentin Rauer (Hrsg.): Sicherheitskultur: soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/M. 2012. S. 93-108, hier S. 93.
[9] Bröckling (wie Anm. 8), S. 99.

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Abbildungsnachweis
Picture detail from the title page, Leviathan by Thomas Hobbes; engraving by Abraham Bosse. © WikimediaCommons, public domain / gemeinfrei.

Empfohlene Zitierweise
Bernhardt, Markus: Game of Thrones und der Leviathan. Historisches Lernen mit US-Serien. In: Public History Weekly 4 (2016) 23, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-6485.

Copyright (c) 2016 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.

“Game of Thrones” is set somewhere in the Middle Ages. The plot, characters and places are fictional. On the Island of Westeros, which resembles Europe and is the main setting of the story, several aristocratic Houses fight for the Iron Throne of the late King Baratheon. This is a particularly bloody war. In each episode there is no lack of visually enacted scenes of extreme violence and maliciousness that blatantly disregard the value of human life. This contributes to the popularity of the series, which is now in its sixth season.

Historical references of the series

An important feature that contributes to this success is the fact that the complex and exciting plot structure runs contrary to our expectations when watching films; expectations that have been conditioned over many years, thanks to Hollywood. In the past it was a given that the heroes survived every situation and escaped even the most impossible dangers with the help of totally absurd “deus ex machina” effects. In “Game of Thrones”, heroic characters are merrily massacred, while miserable villains survive, but these, too, often perish.[1] The first message is: whatever you do cannot save you. Prevention is largely pointless. Not even your family will be there for you. Therefore, kill before you get killed.

It is a matter of speculation which historical situation this message is coupled to or towards which historical role model such a message is oriented. “Game of Thrones” is based on a series of novels called “A Song of Ice and Fire“ by George R. R. Martin. The Internet is replete with possible historical reference points.[2] One of the more popular theories is that the War of Roses in England in the 15th century influenced the plot. In this conflict, the Houses of York and Lancaster fought over the English throne. In the series, they are called Stark and Lannister. A well-made YouTube video by Alex Gendler (“The wars that inspired Game of Thrones“) introduces the historical context and its parallels to “Game of Thrones”.[3] In addition to the analogy between the plots, other elements of the films correspond historically are also highlighted. For example, the 113 km long Hadrian’s Wall can be recognized in the walls that are supposed to protect against the Wildlings and the White Wanderers from the southern territories. Originally, this wall was intended to protect Roman-occupied Britannia from the Picts and the Irish.[4] Even the carnage of the Starks, initiated by the abominable Walder Frey at the “Red Wedding”, is loosely connected to the events of the “Black Dinner” and the “Glencoe Massacre”.[5] “Historical-material” analyses of the “conditions of production” in Westeros and Essos are even available online, to support arguments about whether there are “productive powers” that could transform Westeros from “feudalism” to “capitalism”.[6]

The Social Concept of Leviathan

As cute and novel as these parallels may seem, I think that they are, essentially, a wild goose chase. This is because they basically contribute nothing to historical thinking, understood as the connection between past, present and future. I’d thus like to propose a different interpretation. “Game of Thrones” describes a society invented by the British philosopher, Thomas Hobbes, in his 1651/1670 main work, “Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil”, which is about social contract theory. In Hobbes’ totally unrestrained society, a state of “war of all against all” prevails (bellum omnium contra omnes). Humankind lives in a “natural condition” of statelessness and anarchy, given that there are no laws. According to Hobbes, humans are not zoon politikon, or social beings with communal tendencies, as Aristotle and Cicero assumed; they are driven by total self-interest that consists, in principle, of three elements: desire, fear and reason. Humans are the natural enemies of humans or, as Hobbes wrote: homo homini lupus est.[7] This pretty much sums up the conception of humankind as enacted in “Game of Thrones”. Accordingly, the historical connection would not be the 15th century, with its War of Roses, but rather the 17th century, with its English Civil War.

“Kill before you are killed”

This point of reference makes sense when looking at the future from today’s perspective. Such a view is lacking in the initial interpretation described above. The numerous fans of the series recognize their own expectations of the future, which could be described as “emergency imaginary”, as Craig Calhoun put it. “It is this constantly updated feeling of insecurity and exposure to omnipresent risks and dangers, brought about by news of catastrophes and gloomy future prognoses, out of which preventative semantics and strategies draw their legitimacy and attraction”, as diagnosed by the sociologist Ulrich Bröckling.[8] “Game of Thrones” thus represents a world without a (or with a failing) state that is unable to tame “the beast” in humans and to protect the lives of at least its subjects to some degree. Hence, the basic law of “kill before you are killed”.

The present as a representation of the past

Not even the wall, which has been guarded by the night watch for “thousands of years”, can be manned effectively, given the turmoil in Westeros. Behind it lurks an enemy who will not be defeated with conventional methods. The undead White Wanderers threaten to break through the wall, which could only be secured if all kingdoms were to realize their collective and overall responsibility. In today’s world, these White Wanderers represent the absolute catastrophe, threats that seem “in no way foreseeable”; in other words, threats that are imagined to be similar to the climate catastrophe or terrorism.[9]

This fictitious world is based on the imagined emotional state of today’s world that is characterized by an ever increasing fear of the future, nurtured by real or imagined threats and dangers. And this is how “Game of Thrones” has become a parable for future fears that live off imaginative interpretations of the past and experience of the present.

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Further Reading

  • Ulrich Bröckling: Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution. In: Zeithistorische Forschungen. In: Christopher Daase/Philipp Offermann/Valentin Rauer (Eds.): Sicherheitskultur : soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/M. 2012. p. 93-108.
  • Thomas Hobbes: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Edited by. v. Iring Fetscher, translated by Walter Euchner. Frankfurt/M. 1996 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Band 462).
  • Lucian Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft. Göttingen 2016.

Web Resources

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[1] Nina May: Sympathie für den Tyrannen. Die Fantasy-Saga “Game of Thrones” kennt keine positiven Helden – und hat gerade damit Massenerfolg. In: ZEIT Online from 27.4.2014. URL: http://www.zeit.de/2014/47/game-of-thrones-fantasy-serie (last accessed 3.6.2016).
[2] E.G. Andreas Kilb: “Game of Thrones” Wie viel Mittelalter steckt in der Erfolgsserie? In: FAZ.NET v. 11.4.2013. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/game-of-thrones-wie-viel-mittelalter-steckt-in-der-erfolgsserie-12145271.html (last accessed 3.6.2016).
[3] https://youtu.be/VjO55pKuBo4 (last accessed 3.6.2016). With German subtitles: Adrian Pohr: Das echte Game of Thrones. In: ZEIT Online, Blog Teilchen from 13.5.2015. URL: http://blog.zeit.de/teilchen/2015/05/13/das-echte-game-of-thrones/?utm_content=zeitde_redpost_link_sf&utm_campaign=ref&utm_source=facebook_zonaudev_int&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost.link.sf (last accessed 3.6.2016).
[4] Hadrianswall für Fortgeschrittene: die Mauer. In: FAZ.NET from 11.4.2013. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/game-of-thrones-wie-viel-mittelalter-steckt-in-der-erfolgsserie-12145271/hadrianswall-fuer-12145239.html (last accessed 3.6.2016).
[5] “Game Of Thrones” Red Wedding Based On Real Historical Events: The Black Dinner And Glencoe Massacre. In: Huffington Post from 6.5.2013. URL: http://www.huffingtonpost.com/2013/06/05/game-of-thrones-red-wedding-black-dinner-real-events_n_3393099.html (last accessed 3.6.2016).
[6] Jon Snow: Game of Thrones: Eine historisch-materialistische Analyse. In: www.sozialismus.net from 15.10.2013. URL: http://www.sozialismus.net/content/view/1892/1/ (last accessed 3.6.2016).
[7] Friedrich Mayer: Grundtexte Europas. Epochale Ereignisse und Existenzprobleme der Menschheit. Projekte zum fächerübergreifenden Unterricht. Lehrerkommentar, Bamberg 1995, p. 140-163.
[8] Ulrich Bröckling: Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution. In: Zeithistorische Forschungen. In: Christopher Daase/Philipp Offermann/Valentin Rauer (Eds.): Sicherheitskultur : soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/M. 2012. p. 93-108, here p. 93.
[9] Bröckling (as in footnote. 8), p. 99.

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Image Credits
Picture detail from the title page, Leviathan by Thomas Hobbes; engraving by Abraham Bosse. © WikimediaCommons, public domain / gemeinfrei.

Recommended Citation
Bernhardt, Markus: Game of Thrones and the Leviathan. Historical learning with US series. In: Public History Weekly 4 (2016) 23, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-6485

Translated by Katalin Morgan

Copyright (c) 2016 by De Gruyter Oldenbourg and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: elise.wintz (at) degruyter.com.


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DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2016-6485

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  1. Markus Bernhardt erkennt in der Serie “Game of Thrones“ das Menschen- und Gesellschaftsbild aus Hobbes’ “Leviathan“ wieder und hält diese Interpretation für fruchtbarer, wenn wir etwas über das von ihr angesprochene Geschichtsbewusstsein erfahren wollen, als die Suche nach Mittelalterbezügen. Eine geschichtskulturelle Analyse kann aber auch gewinnbringend von der “Mittelalterlichkeit“ Westeros’ ausgehen.

    Dass Fantasywelten visuell und technologisch dem Mittelalter verhaftet bleiben, ist nicht neu. G.R.R. Martin fügt dem nicht nur konkrete historische Vorbilder für Handlungsstränge und Ereignisse hinzu, sondern versucht auch die Sozialstruktur des Mittelalters nachzubilden. Seine Adelshäuser sind miteinander durch Ehen und Treueeide verbunden, Könige müssen ihre Gefolgsleute aktiv an sich binden und Ritter sollen nicht nur kämpfen, sondern auch für bestimmte Tugenden stehen. Bezogen auf die Geschlechterrollen äußerte sich der Autor in einem Interview wie folgt: “The books reflect a patriarchal society based on the Middle Ages. The Middle Ages were not a time of sexual egalitarianism. It was very classist, dividing people into three classes. And they had strong ideas about the roles of women.”[1] Man könnte fast glauben, eigentlich habe er historische Romane schreiben wollen, aber sich daran gestört, dass deren Ende stets schon feststeht und deshalb in Fachbüchern nachgeschlagen werden kann.

    Die Fans von Romanreihe und Serie akzeptieren diese Welt als Mittelalter, trotz Drachen und Untoten. Weite Teile der Handlung (oder vielmehr viele Handlungsstränge) kommen auch ohne diese Elemente aus und befassen sich mit zutiefst irdischen Machtkämpfen und den Versuchen von Figuren ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden oder zumindest zu überleben. Vielfach verleugnen die Figuren selbst jede Form von Magie und amüsieren sich über die Idee, es gäbe Riesen oder ähnliche Wesen.

    Vor allem aber schließt Westeros hervorragend an das Bild vom finsteren Mittelalter an, gerade wegen der allgegenwärtigen Gewalt, die Bernhardt stärker an den Leviathan erinnert. Diese Vorstellung dient auch als Rechtfertigung der Gewaltdarstellungen gegenüber KritikerInnen. “It’s brutal, but that’s what it is at times.“ sagt zum Beispiel der Schauspieler Jonathan Pryce in einem Interview.[2] Die grausamen Szenen, für die “Game of Thrones“ steht, sind somit nicht nur eine künstlerische Entscheidung, sondern für historische Korrektheit zwingend nötig. Das Narrativ vom finsteren Mittelalter ist somit zum Maßstab geworden, nach dem selbst Fantasygeschichten beurteilt werden, die gar keinen Anspruch auf Authentizität erheben müssten.

    “Game of Thrones“ bedient also nicht nur die Angst vor Katastrophen, deren Lösung die Politik überfordert (oder scheinbar nicht interessiert), sondern auch die Vorstellung von alltäglicher Gewalt im Mittelalter. Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, mag in der frühen Neuzeit erdacht worden sein, aber wie auch bei der Hexenverfolgung, wird solches Verhalten dem Mittelalter eher zugetraut, als der Zeit zwischen Humanismus und Aufklärung.

    Anmerkungen
    [1] http://www.ew.com/article/2015/06/03/george-rr-martin-thrones-violence-women (letzter Zugriff 4.7.2016
    [2] http://europe.newsweek.com/jonathan-pryce-game-thrones-violence-there-are-more-brutal-things-cinema-446974?rm=eu (letzter Zugriff 4.7.2016)

  2. Historisch Denken mit Game of Thrones?

    Markus Bernhardts geschichtstheoretisch inspirierte Interpretation der Serie “Game of Thrones” ist zu begrüßen. Sie ist nicht nur an aktuelle curriculare Vorgaben des Geschichtsunterrichts anschlussfähig, sondern zeigt auch exemplarisch das epistemologische Potenzial einer geschichtstheoretischen Analyse geschichtskultureller Phänomene. Denn geschichtskulturelle Analysen, die lediglich historische Bezüge fokussieren, laufen oftmals – wie Markus Bernhardt schreibt – “ins Leere” und/oder kommen – so ließe sich ergänzen – zu dem wenig überraschenden und wenig ergebnisoffenen Befund, dass geschichtskulturelle Phänomene eben keiner historiografischen Logik folgen.

    Dieser Umstand ist auch für den Geschichtsunterricht relevant. Denn dieser soll Lernende befähigen, geschichtskulturelle Phänomene eigenständig und kritisch zu reflektieren.

    Aus dieser Perspektive stellt sich die hier natürlich zugespitzt und plakativ formulierte Frage, ob der zweifellos anregende, jedoch rein inhaltsanalytische Zugriff Markus Bernhardts auf geschichtskulturelle Phänomene im Geschichtsunterricht eigenständige und differenzierte historische Denkprozesse im Sinne Jörn Rüsens und Karl-Ernst Jeismanns zu initiieren vermag oder ob das fokussierte, m.E. eher normative Orientierungswissen (“Game of Thrones” als Parabel auf Zukunftsängste) letztlich nicht monoperspektivische “Fertigkost” serviert?

    Dazu drei knappe Überlegungen:

    1.) Die Kernlehrpläne Geschichte für die Sekundarstufe I und II an Gymnasien und Gesamtschulen in NRW z.B. intendieren bezugnehmend auf Jörn Rüsen und Karl-Ernst Jeismann eine multiperspektivische Interpretation von Geschichtsdarstellungen und differenzierte Sach- und Werturteilsbildung[1]. Der Einbezug der Perspektive der Autoren in die Interpretation geschichtskultureller Phänomene wird in den Kernlehrplänen ausdrücklich angeregt.[2]

    2.) Nimmt man die Befunde geschichtsdidaktischer Empirie[3], dass Lernenden der Konstruktcharakter von Geschichtsdarstellungen oftmals nicht bewusst ist, ernst, dann lässt sich mit Blick auf Conceptual Change im Geschichtsunterricht bezugnehmend auf Saskia Handro argumentieren, dass “[n]ur Lernende, denen der Prozess historischer Erkenntnisgewinnung vertraut ist, die wiederholt historische Erkenntnisverfahren anwenden und reflektieren, wissen wie ‚Geschichte gemacht wird’ und werden ‚fertige Geschichte(n)’ kritisch hinterfragen”.[4]

    3.) Jüngst markierten die Geschichtsdidaktiker Wolfgang Hasberg und Holger Thünemann die Integration von Geschichtskultur in historische Lehr-Lernprozesse als “Probleme und Perspektiven der geschichtsdidaktischen Kompetenzdebatte”.[5] Nicht zuletzt vor dem Hintergrund curricularer Vorgaben wäre es wünschenswert, wenn es für die Ausbildung reflektierten Geschichtsbewusstseins im Geschichtsunterricht des digitalen Zeitalters nicht nur neue Formen der Handlungsorientierung gäbe[6], sondern auch inhaltsanalytische Zugriffe bei der Interpretation geschichtskultureller Phänomene um Perspektiven, Zwänge und handlungsleitende Entscheidungen der Produzenten sowie Bedürfnisse und Erwartungen der Rezipienten erweitert würden (siehe z.B. die gewinnbringende Analyse Daniel Münchs). Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, die Analyse geschichtskultureller Phänomene im Hinblick auf historische Bezüge im Geschichtsunterricht zu maginalisieren. Aber geschichtsdidaktische Analysen, die Produzenten, Inhalte und Rezeptionsprozesse geschichtskultureller Phänomene unter geschichtstheoretischen Prämissen gleichberechtigt in den Blick nehmen, könnten erstens bewährte fachwissenschaftliche Zugriffe auf geschichtskulturelle Phänomene im Geschichtsunterricht gewinnbringend ergänzen und zweitens eine empirische Grundlage für eine reflektierte Integration von Geschichtskultur in historische Lehr-Lernprozesse bilden.

    Anmerkungen
    [1] Vgl. z.B. Jörn Rüsen: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln u.a. 2013; Karl-Ernst Jeismann: Geschichtsbewusstsein – Theorie. In: Klaus Bergmann u.a. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. Seelze-Velber 1997, S. 42-44.
    [2] Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für die Sekundarstufe II. Geschichte. Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 2014, v.a. S. 11f. und 16; Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen. Geschichte. Düsseldorf 2007, v.a. S. 16.
    [3] Vgl. z.B. Christoph Kühberger (Hrsg.): Geschichte denken. Zum Umgang mit Geschichte und Vergangenheit von Schüler/innen der Sekundarstufe I am Beispiel “Spielfilm”. Empirische Befunde – Diagnostische Tools – Methodische Hinweise. Innsbruck 2013 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 7).
    [4]Saskia Handro: Historische Erkenntnisverfahren. In: Günther-Arndt, Hilke/Handro, Saskia (Hg.): Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 5. überarbeitete Neuauflage Berlin 2015, S. 24-43, Zitat S. 43.
    [5] Holger Thünemann: Probleme und Perspektiven der geschichtsdidaktischen Kompetenzdebatte. In: Saskia Handro/Bernd Schönemann (Hrsg.): Aus der Geschichte lernen? Weiße Flecken der Kompetenzdebatte. Berlin 2016 (= Geschichtskultur und historisches Lernen, Bd. 15), S. 37-51, v.a. S. 48-50; Wolfgang Hasberg: Schöne neue, schöne digitale Welt? Ein Zwischenfazit zum geschichtsdidaktischen Potenzial digitaler Medien. In: Wolfgang Buchberger/Christoph Kühberger/Christoph Stuhlberger (Hrsg.): Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht. Innsbruck 2015 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 9), S. 245-S. 276.
    [6] Vgl. z.B. Wolfgang Buchberger/Christoph Kühberger/Christoph Stuhlberger (Hrsg.): Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht. Innsbruck 2015 (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik, Bd. 9).

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